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Juli Zeh: „Die EU ist eine gefährdete Spezies“

Schriftstellerin Juli Zeh auf der Leipziger Buchmesse 2016
Schriftstellerin Juli Zeh auf der Leipziger Buchmesse 2016imago/STAR-MEDIA
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Man dürfe Windräder hässlich finden und Angst vor Ausländern haben, sagt die Autorin Juli Zeh im Interview. Und erklärt, warum es sich lohnt, die EU zu schützen.

Die Presse: Guten Tag, Frau Zeh. Es rauscht ziemlich, erwische ich Sie gerade im Auto?

Juli Zeh: Ja, aber das ist Absicht. Ich erledige Telefonate gern während der Autofahrten. Keine Sorge, die Freisprecheinrichtung habe ich an.

Wann haben Sie zuletzt eine Windkraftanlage gesehen?

Ich fahre in dieser Sekunde an einem Windkraftwerk vorbei. Linkerhand drehen sich ungefähr hundert Propeller.

 

Was empfinden Sie dabei?

Die stehen ziemlich weit weg. Da sind sie sogar recht hübsch. Aber ich wohne hier auch nicht.

 

In Ihrem Roman „Unterleuten“ wird der Plan, in dem fiktiven Dorf einen Windpark zu bauen, heftig bekämpft.

Ich glaube, niemand auf der Welt will vor seinem Haus einen Windpark sehen. Das ist ein ernst zu nehmendes Problem. Wenn man eine Energieform als Lösung anbietet, die niemand in seiner Nähe haben will, und die nur gebaut werden kann, wenn man die Menschen mit viel Geld besticht, kann das nicht der Weg sein. Abgesehen davon, dass die Effizienz der Windräder infrage steht. In Deutschland sind das reine Subventionsprojekte, die sich nie selbst tragen. Hier in Ostdeutschland, wo ich wohne, gründen sich inzwischen sogar monothematische Parteien mit dem einzigen Ziel, die Windkraft zu verhindern.

 

Und haben sie Erfolg?

Das wird sich zeigen, aber etwas ändert sich in jedem Fall. Lange Zeit haben die Leute die Windenergie hingenommen, weil es den Anschein hatte, man müsse es aus moralisch-ökologischen Gründen irgendwie gut finden. Man kann ja nicht gegen Erdöl, Atomkraft und Windenergie protestieren. Da bleibt ja nichts übrig. Aber je stärker sich die Schwächen zeigen, desto stärker wird auch der Protest. Das fängt gerade erst an.

 

Hat die deutsche Energiewende die Menschen überrollt?

Nein, keiner kann sagen, dass das unerwartet kam. Viele Menschen wollen das und wählen deshalb zusehends die grüne Partei. Aber sobald es um konkrete Projekte geht, werden die betroffenen Menschen so wenig wie möglich einbezogen, weil sie natürlich trotzdem dagegen sind. Wenn so ein Ding in der Nachbarschaft gebaut werden soll, wird auch der größte Umweltschützer zum Windkraftgegner.

Würden Sie gegen einen Windpark in Ihrer Nähe protestieren?

Klar, sofort. Ich nehme mich selbst gar nicht aus, das wäre heuchlerisch. Ich höre immer wieder Umweltaktivisten, die behaupten, sie fänden Windräder vor ihrem Fenster schön. Das halte ich für eine Lüge. Die sind nicht schön und da draufzuschauen macht unglücklich. Nicht nur die Ästhetik, auch die Drehbewegung raubt einem den Verstand.

Woran zerbricht das Dorf Unterleuten letztlich? Was löst der geplante Windpark aus?

Die Windkraft ist ein Stellvertreter für eine bestimmte Form von politischem Bewusstsein. Die Menschen glauben nicht mehr, dass man an Politik teilhaben könnte, sondern schauen weg und nutzen es höchstens als Unterhaltungsprogramm. Solange bis es einen persönlich betrifft. Wann immer ein Windpark, ein Bahnhof, eine Brücke gebaut wird, kehrt das politische Bewusstsein zurück und die Menschen begeben sich in eine Art Protesthaltung gegen den Staat. Es heißt dann nicht mehr: „Wir sind der Staat“, sondern „Es gibt uns und die da oben.“ Dann wird man wütend, weil man das Gespür verloren hat, ob etwas für die Gesellschaft sinnvoll ist. Wichtig ist nur, ob es mich persönlich stört.

 

Sie sind selbst ins Dorf gezogen. Ist diese Einstellung dort öfter zu finden als in der Stadt?

Die Städter bei uns haben eher das Gefühl, etwas machen zu können. Wenn etwa der Kindergarten geschlossen werden soll, sind es die Zugezogenen, die Protestbriefe schreiben und dagegen vorgehen. Die Alteingesessenen kapseln sich ab und versuchen es nicht einmal. Natürlich haben sie in vielen Jahrzehnten DDR gelernt, dass es am sichersten ist, sich nicht einzumischen und unter dem Radar zu bleiben. Aber diese Haltung breitet sich überall aus.

 

Im Buch schwärmen Sie von dieser Autonomie des Dorfes. Behörden oder Polizei braucht man in Unterleuten grundsätzlich nicht, statt Geld tauscht man Waren. Ist das ein taugliches Modell?

Es ist sicher nicht das bessere Modell, sondern eine Reaktion auf eine Mangelerscheinung, auf ein Staatsversagen. Menschen übernehmen hier Aufgaben, weil sich sonst niemand darum kümmert. Das fasziniert mich, weil ich das nicht gekannt habe. Ich war beeindruckt, dass Leute nicht jammern, sondern Sachen in die Hand nehmen. Da habe ich viel gelernt über Miteinander und Gemeinschaft. Als Modell für die Gesellschaft taugt es nicht, weil es aus einem Missstand geboren ist.

 

Sie schreiben: „Diese Welt wird in Städten erfunden, verwaltet, regiert und dekoriert.“ Was mitschwingt ist: Ausbaden muss es der Bürger auf dem Land.

Genau.

 

Wie stehen Sie dann zur EU, die oft als besonders weit entferntes Machtzentrum empfunden wird?

Bis zu einem bestimmten Grad ist es unausweichlich, dass die Entscheidungen in den Zentren getroffen werden. Die Frage ist, ob das etwas Schlimmes sein muss. Was fehlt, ist das Vertrauen, dass diese Entscheidungen auch gut, im Sinn von demokratisch legitimiert, sind. Dann würden Bürger nicht wütend werden, sondern die Dinge verstehen und akzeptieren, selbst wenn sie anderer Meinung sind. Es gehört zu den größten Frustrationen der vergangenen Jahrzehnte, dass es nicht gelingt, Nutzen und Erfolge der EU besser zu vermitteln und man stattdessen zusieht, wie sie den Bach hinuntergeht. Ich hoffe, dass die Menschen endlich verstehen, dass die EU eine gefährdete Spezies ist, die zu schützen sich lohnt.

Wer trägt in Ihren Augen Schuld an diesem Bild von Brüssel?

Es gibt zwei Sündenböcke: Politiker, die Brüssel nutzen, um bei unangenehmen Entscheidungen die Verantwortung abzuschieben. Und Journalisten, die Europa sachlich nicht verstehen, zu faul, träge oder überarbeitet sind, um sich Zusammenhänge genau anzusehen. Da ist man immer den einfacheren Weg gegangen. Man muss ja nur „blödes Brüssel“ sagen und schon klatschen alle. So entstehen Gerüchte, dass die EU etwa bürokratisch, aufgebläht oder korrupt sei. So ein Quatsch. Man kann der EU viel vorwerfen – aber man wirft ihr grundsätzlich die falschen Dinge vor.

 

Die EU kämpft derzeit auch mit der Flüchtlingskrise. Bei vielen Bürgern löst sie diffuse Angstgefühle aus. Rechtspopulisten haben starken Zulauf. Wie begegnet man diesem Phänomen?

Oft entstehen Probleme nur scheinbar zu einem bestimmten Zeitpunkt, die Vorgeschichte ist aber länger. Entsprechend schwer ist es, in zwei Wochen eine geeignete Lösung zu finden. Zur großen Xenophobiewelle muss man sagen: Angst vor Ausländern gehört zu den menschlichsten Regungen, die es gibt. Jeder kennt das von sich selbst, auch wenn er noch so aufgeklärt und links ist. Wenn ich als Frau nachts durch eine Stadt gehe und merke, dass fünf Männer hinter mir herlaufen, fühle ich mich auch wohler, wenn ich das Gefühl habe, dass sie aussehen wie jemand aus meinem Kulturraum. Das ist einfach so. Da kann man sich sagen: „Was denkst du da? Du spinnst doch.“ Aber das Gefühl ist da und sollte auch akzeptiert werden, statt immer nur zu sagen: Das darf nicht sein.

Die Frage ist, was man mit diesem Gefühl macht.

In den vergangenen zwanzig Jahren, vor allem nach dem 11. September, wurden diese Angstgefühle benutzt, um die große Aufmerksamkeitspirale zu drehen und Politik zu machen. Muslime und der Nahe Osten wurden nur noch in einem Atemzug mit Terrorismus und Bedrohung erwähnt. Neutrale oder positive Berichterstattung gibt es kaum. Wenn sich jetzt eine Million Menschen aus diesem Kulturkreis auf den Weg zu uns macht, muss sich niemand wundern, wenn das Angst auslöst. Es ist vielmehr erstaunlich, dass es überhaupt diese Art der Willkommenskultur gegeben hat.

 

Ist die Ausländerfeindlichkeit auf dem Land höher?

Das hängt davon ab, wie die Menschen persönlich davon betroffen sind. In den Dörfern, in denen ein Asylantenheim steht und die Flüchtlinge im Ort sichtbar sind, merkt man mehr Ausländerfeindlichkeit. Wenn hier ein Auto gestohlen wird, heißt es sofort: Das war einer von denen. Wer nicht direkt davon betroffen ist, kommt eher auf die Idee, einen Flüchtling bei sich aufzunehmen und bekommt so ein ganz anderes, positives Bild.

Sie leben seit einem Jahrzehnt auf dem Land. Was hat das für Sie am stärksten ins Positive und am stärksten ins Negative verändert?

Das Negative ist ganz einfach: Ich habe viel Spontaneität in meiner Lebensführung verloren. Ich kann nicht schnell ins Kaffeehaus gehen oder Brötchen holen. Alles muss auf Wochen im Voraus geplant sein. Das verändert, wie man so tickt. Ich bin spießiger geworden. Am positivsten finde ich, dass ich aus dieser Blase rausgekommen bin, in der ich gelebt habe. Ich war in einer Clique von Leuten, die sich ständig erzählt haben, was sie schon wussten – Akademiker, Mittelschicht, künstlerischer Anspruch, eher linke Weltsicht. Da lernt man auch niemand anderen mehr kennen. Seit ich hier draußen bin, rede ich intensiv mit Menschen, die ganz andere Auffassungen haben als ich und empfinde es als ungeheuer bereichernd. Im Geist hat mich das Land beweglicher gemacht.

 

Ziehen Sie zurück in die Stadt?

Ich hoffe nicht. Aber ich kann es nicht ausschließen. Im Moment ist das keine Gegend, in der man gut alt werden kann. Wer nicht mehr sicher Auto fährt, ist hier verloren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2016)