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Mit Vassilakou geht es nicht - aber geht es ohne sie?

Vassilakou nach ihrer "persönlichen Erklärung" am Sonntag
Vassilakou nach ihrer "persönlichen Erklärung" am SonntagAPA/HERBERT P. OCZERET
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Die Wiener Grünen-Chefin will nicht mehr kandidieren. Das ist keine Überraschung, könnte ihren Nachfolger aber trotzdem kalt erwischen.

Zum Abschied bestand Maria Vassilakou auf etwas, was ihr in den Jahren zuvor öfter entglitten war: Deutungshoheit. Bei ihrer am Sonntag kurzfristig angesetzten „persönliche Erklärung“ waren keine Fragen zugelassen. Stattdessen nutzte die Noch-Grünen-Chefin die knappe halbe Stunde Aufmerksamkeit für ihre Version ihrer Geschichte, die mit unverbauten, griechischen Feldern begann und im Stadtplanungsbüro der „besten Stadt der Welt“ endete.

Interessant war dabei auch, worüber Vassilakou nicht sprach: kein Wort über den Koalitionspartner, kein Vorwurf, nicht einmal ein leiser an die Medien, wie man das von ähnlichen Auftritten von Stadtpolitikerinnen (Sandra Frauenberger, Sonja Wehsely) kennt. Aber auch kein Wort über eigene Niederlagen (Lobautunnel) oder Fehler. 

Der Irrtum der Strategin

Und von denen gab es natürlich einige. Vor allem taktische. Wer bei Wahlverlusten seinen Rücktritt ankündigt, aber dann doch bleibt (mit dem Hinweis: in absoluten Zahlen hätte man ja eh dazugewonnen). Wer die Basis abstimmen lässt (Sichwort: Heumarkt), dann aber im Gemeinderat anders entscheiden lässt  (mit dem Hinweis, dass das Ergebnis der Basis eh nur knapp war). Ja, der oder eben die darf sich nicht wundern, dass das fette Image-Kratzer hinterlässt. Vor allem, wenn - siehe SPÖ - ohnehin Veränderung in der Stadtluft liegt. Und vor allem wenn der enge Kontakt mit Basis nicht ganz oben auf  Proritätenliste steht. Vassilakou, die als kluge Strategin gilt, hat ihre Partei am Ende des Tages falsch eingeschätzt. 

Dabei hat sie inhaltlich einiges vorzuweisen, was sie denn am Sonntag auch ausgiebig tat: die 365-Euro-Jahreskarte, die Mariahilfer Straße, die Ausweitung des Parkpickerls etc (der Heumarkt kam in der Aufzählung wenig überraschend nicht vor). Vassilakou hat im Wesentlichen umgesetzt, was viele Grün-Wähler von ihr erwartet haben, und sie hat den Konflikt meistens nicht gescheut. Auch wenn manche Vorschläge in unausgereiftem Zustand präsentiert wurden (7 Euro-Mietobergrenze, Vorschlag für eine Citymaut ohne Vorschlag, wie man die vielen Stadteinfahrten kontrollieren könnte).

Semi-freiwilliger Abschied

Insofern ist ihr semi-freiwilliger Abschied (und semi-freiwillig ist er, auch wenn Vassilakou lieber vom selbst initiierten Generationenwechsel spricht) nicht ganz fair. Aber sie musste gehen, denn mit ihr wäre es nicht mehr gegangen. Es gibt in der Politik ein Momentum, so wie man das von Fußballtrainern kennt, den Augenblick, wo man weiß: Es ist vorbei. Hätte Vassilakou wirklich bleiben wollen, hätte sie nach der Landesversammlung 2017 damit anfangen müssen. Zuletzt hat man nur mehr auf eine Bestätigung des ohnehin Offensichtlichen gewartet. Ähnlich wie bei Michael Häupl. Nur eben ein paar Jahre früher.

Vassilakou sagte, ihr Schritt sei „wohlüberlegt“. Das stimmt - und stimmt auch nicht. Vassilakou hat keinen Nachfolger aufgebaut und sich mit ihrer Entscheidung viel zu lange Zeit gelassen. Trotzdem ist die Vizebürgermeisterin nicht zu Unrecht bekannt dafür, immer einen Plan (oder mehrere) zu haben. Um einer potenziell würdelosen Debatte zuvorzukommen, hat sie erstens den Zeitpunkt der Amtsübergabe selbst mit Juni 2019  bestimmt (in der Rede sprach sie vom Rechnungsabschluss 2019, der aber erst im Juni 2020 anstehen würde - das wurde nachher von ihrem Sprecher korrigiert: gemeint war der Rechnungsabschluss 2018, der im Juni 2019 fertig ist). Zweitens hat sie -  ein wahres Kunststück - die Basis dazu gebracht, sich selbst mit der Wahlreform ein Stück zu entmachten. Womit sie drittens ihrem Wunschnachfolger Peter Kraus einen kleinen Vorteil gegenüber dem alten Hasen David Ellensohn verschafft hat.  

Er oder er wird es allerdings nicht leicht haben. Der Wahlkampf wird zum Richtungskampf (mehr Koalition oder Opposition) werden und das Gefühl von Aufbruch -  da hat der Ex-Landesprecher und Doch-Nicht-Kandidat Joachim Kovacs schon Recht - liegt bei den Grünen bis jetzt nicht in der Luft. Zudem sind Marys, wie sie genannt wird, Fußstapfen doch groß. Denn Vassilakou war zwar nicht populär, aber eine Marke. Sie war, sie ist wienweit bekannt - und das ist viel wert in diesem Wahlkampf, der nicht nur für die Wiener, sondern auch die Bundesgrünen entscheidend wird. Vor allem wenn er früher kommt als gedacht.