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Fall Epstein: Anklage gegen toten „Feigling“

Virginia Roberts Guiffre im Zeugenstand.
Virginia Roberts Guiffre im Zeugenstand.REUTERS

Fast zwei Dutzend mutmaßliche Opfer erhoben in Gerichtsanhörung schwere Vorwürfe gegen den Sexualtäter. Prinz Andrew versucht sich aus der Affäre zu ziehen.

New York/Wien. Worte des Schmerzes und des Zorns richteten sich an den freien Platz auf der Anklagebank in dem randvollen Gerichtssaal in New York, in dem die Gesellschaft zu Gericht saß über einen Mann, der sich vor drei Wochen in seiner Haftzelle selbst gerichtet hatte. Jeffrey Epstein, der exzellent vernetzte Hedgefonds-Manager und bereits einmal verurteilte Sexualstraftäter mit der zügellosen Vorliebe für minderjährige Mädchen, stand im Zentrum der Anhörungen. Richter Richard Berman gab rund zwei Dutzend Opfern, die sich nach Epsteins Selbstmord zunächst ihrer Chance beraubt gesehen hatten, die Möglichkeit, ihre Vorwürfe öffentlich vorzubringen.

„Feigling“, so nannte Courtney Wild ihren Peiniger, der sie als 14-Jährige sexuell missbraucht hatte. Sie fühle sich um ihr Recht geprellt. Für viele glich es einer therapeutischen Sitzung. „Wir stehen zusammen“, rief die Schauspielerin Anouska De Georgiou. Eine nach der anderen traten die Frauen vor. Sie hielten einander an den Händen, sie zitterten und sprachen einander Mut zu, ehe sie – den Tränen nahe und mit brüchiger Stimme – ihre Wut artikulierten über den Täter, der sich der Strafe entzogen hatte.

Scham und Trauma

Dass sie ihm all dies nicht ins Gesicht schleudern könne, zerfresse ihre Seele, sagte Jennifer Araoz. Chauntae Davies erzählte, wie sie als Masseuse auf Epsteins Privatinsel in der Karibik eingeflogen worden war, er sie vergewaltigte und sie sich hinterher im Spital zwei Wochen lang übergeben musste. „Ich weigere mich anzuerkennen, dass dieser Mann durch seinen Tod gesiegt hat.“

Erleichtert über das Ende des Schweigens traten Frauen in den Zeugenstand, die aus einem Brief vorlasen, den sie Epstein geschrieben hatten, die darin ihr Trauma und ihre Scham als „Sexsklavin“ offenbarten – und andere, die an den Richter plädierten, den Prozess zu Ende zu bringen. Nach Epsteins Suizid hatten einige eine Privatklage gegen den Nachlass des Finanzmanagers eingereicht, der sich laut Testament auf etwa 577 Millionen Dollar beläuft.

Zwei hochkarätige Zeugen, die in die Affäre involviert sind und zur Aufklärung beitragen könnten, zogen es indessen vor, in Großbritannien zu bleiben: Ghislaine Maxwell, die abgetauchte Tochter des ehemaligen Zeitungstycoons und Epstein-Freundin, die in der Rolle der „Bordellmutter“ womöglich Mitschuld an dem Zwangsprostituierten-Ring trägt; und Prinz Andrew, der zweitälteste Sohn der Queen, der selbst nach Ende von Epsteins erster Haftzeit noch eine Bekanntschaft mit dem Multimillionär gepflegt hat. Es kursieren Fotos, die den Duke of York 2010 mit Jeffrey Epstein im Central Park in New York und in dessen Townhouse an der Upper East Side zeigen. Epstein deckte zudem einmal die Schulden von Sarah Ferguson, der Exfrau des Prinzen, im Ausmaß von 15.000 Pfund.

„Er weiß genau, was er getan hat“

Virginia Roberts Guiffre, die behauptet, Epstein habe sie im Alter von 17 Jahren mehrmals zum Sex mit dem Prinzen gezwungen, sagte in New York über den Königssohn, dem der britische Boulevard einst den Spitznamen „Randy Andy“ („geiler Andy“) verpasst hatte: „Er weiß genau, was er getan hat. Ich hoffe, er kommt mit sich ins Reine.“

Der Prinz dementiert jegliches Fehlverhalten, vom Missbrauch rund um Epstein will er nichts bemerkt haben. In gleich zwei Stellungnahmen distanzierte er sich von ihm und bezeichnete die Bekanntschaft als Fehler und als Irrtum. „Die Person, die ich kannte, war nicht die echte.“ Prinz Andrew, zu Zeiten des Falkland-Kriegs 1982 gefeierter Hubschrauberpilot und später Sonderbotschafter für Handelsfragen, war regelmäßig zu Gast in Epstein-Domizilen in New York, in Florida und der Karibik sowie bei dessen Partys; Epstein und Maxwell wiederum bekamen im Gegenzug Einlass ins Königshaus, nach Windsor Castle und Schloss Balmoral.

So bekommen Sie Hilfe

Wer Suizidgedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden. Oft hilft bereits das Sprechen über die Gedanken dabei, sie zumindest vorübergehend auszuräumen.

Wer für weitere Hilfsangebote offen ist, kann sich an die Telefonseelsorge wenden: Sie bietet schnelle erste Hilfe an und vermittelt Ärzte, Beratungsstellen oder Kliniken.

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Depressionen betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefonseelsorge unter der Nummer 142, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.

Informationen zu Hilfsangeboten für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige sowie Hilfseinrichtungen in Österreich finden Sie auch auf der Webseite www.suizid-praevention.gv.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2019)