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Grätzeltour

Simmering: Auf den Spuren meiner Ahnen

Bahnunterführung von 1905 an der Gudrunstraße.
Bahnunterführung von 1905 an der Gudrunstraße.(c) Christopher Dickie
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Wer waren meine Vorfahren und wo wohnten sie? Ein Streifzug durch Simmering führt zu drei alten Häusern – und tief in die Geschichte des Bezirks und seiner böhmischen Einwanderer.

Mathis, das ist ein typisch Vorarlberger Name. Doch obwohl im Ländle geboren: Mein Name stammt aus Wien. Und ursprünglich sogar aus Böhmen. Wobei: Vielleicht gelangte er doch aus Vorarlberg dorthin. Als 1722 Graf Franz von Hohenems nach Böhmen zog (und später Gräfin Maria Rebecca), könnte im Gefolge ein Mann namens Mathis gewesen sein.
Viel wusste ich nicht von meinen Wiener Ahnen: Ziegelböhm sollen sie gewesen sein. Drei Kinder hätte er gehabt, mein Ururgroßvater, und nur Böhmisch gesprochen. Und sonst? Vage Geschichten: eine Albine in der Burgenlandsiedlung, ein Geschwisterstreit, aber kaum Fotos und Dokumente. Keine Antiquitäten, kein Hof, kein Häuschen. Also machte ich mich auf die Suche.

Datendschungel und Häusermeer

Die Spur beginnt beim Großvater in Simmering. Wo war er geboren? In der Pfarre wird man schnell fündig: Ehamgasse 17. Über die einzelnen Ahnen erfahre ich wenig, aber viel über die Zeit. Die Kirchenmatriken füllen sich von 1870 bis 1910 enorm. Die Taufbücher sind voll, die Sterbebücher ebenso. Vorherrschende Berufe: Hilfsarbeiter, Spinnerin, Bedienerin. Todesarten: Fraisen (Fieberkrämpfe) und Masern bei Kindern, Schwindsucht bei Erwachsenen.

Grässlplatz mit Häuserzeile Gudrunstraße.
Grässlplatz mit Häuserzeile Gudrunstraße.(c) Christopher Dickie


Die Pfarrer konnten der Fülle der Daten, so scheint es, kaum Herr werden, manch Eintrag ist unlesbar, nicht mehr nachzuvollziehen. Doch was ich fand: Meine Ururgroßeltern Johann und Katarina stammten aus Südböhmen, heirateten 1870 in Simmering und hatten nicht drei Kinder, sondern elf. Sechs davon wurden erwachsen. Wie sie aussahen, wie sie lebten, warum sie ihren ersten Sohn Franz nannten und danach dreimal den Namen Johann für weitere Söhne aussuchten – die alle als Säuglinge starben – man weiß es nicht. Gewiss ist, dass ein Eduard Johann überlebte: mein Urgroßvater. Und der Ort seiner Geburt: Leberstraße 30. Heute Industriegebiet, ist auf dem Stadtplan von 1887 unweit des Marxer Friedhofs das Haus Nummer 30 zu sehen.

Wien 1887: Oben links der Marxer Friedhof, Mitte rechts mitten auf dem Feld einige Häuser - darunter die Nummer 30.
Wien 1887: Oben links der Marxer Friedhof, Mitte rechts mitten auf dem Feld einige Häuser - darunter die Nummer 30.Stadt Wien

Noch fassbarer wird die Geschichte rund um den Gräßlplatz. Hier treffen sich die Bezirke drei, zehn und elf, die Bahn, Gudrun-, Geiselberg- und Arsenalstraße. Doch einige alte Häuser und ein Bahndurchgang stehen noch und lassen erahnen, wie der Platz mit Sicht aufs Arsenal um 1900 ausgesehen haben könnte. In der Kujanikgasse 3, bei der 1869 gegründeten ersten österreichischen Jutespinnerei und -weberei (HITIAG), wurde 1911 der Bruder des Großvaters, der Rudl, geboren.

Tafel in der Spinngasse zur Erinnerung an die erste österreichische Jutespinnerei und -Weberei, nach der die Gasse benannt wurde.
Tafel in der Spinngasse zur Erinnerung an die erste österreichische Jutespinnerei und -Weberei, nach der die Gasse benannt wurde.Daniela Mathis


In der Arsenalstraße (damals Simmeringer Straße 2) befand sich ab 1887 das Städtische Asyl- und Werkhaus. Es war aus der Fabrik Skene & Consorten und dem Zentral-Pferdeschlachthof hervorgegangen und bot ab 1915 rund 1300 Personen einen Schlafplatz. In der NS-Zeit wurde es als Zwangsarbeiterlager benutzt.

Gegenüber diesem Brennpunkt wohnte und starb 1917 der Einwanderer Johann im Haus Gudrunstraße 5 an der Schwindsucht. 1918 raffte die Tuberkulose hier auch Johanns 31-jährige Tochter Hermine dahin, die 1914 Taufpatin meines Großvaters gewesen war.

Das Asyl- und Werkhaus an der Simeringer Straße 2 (heute Arsenalstraße).
Das Asyl- und Werkhaus an der Simeringer Straße 2 (heute Arsenalstraße).frei

Er, der Ederl, kam in der erwähnten Ehamgasse zur Welt, einen Katzensprung vom Herderpark entfernt. Das Haus steht noch, ebenso die Schule, das Kinderbad und der Park. Dank der Segnungen des Roten Wien konnte er ein Handwerk erlernen: Eisendreher. Der soziale Aufstieg war möglich geworden. Seinem Bruder aber ist es zu verdanken, dass die Unterschriften von Ur- und Ururgroßeltern erhalten sind: Der kleine Rudl war erst 1916 amtlich und mit Zeugen „legitimiert“ (weil vor der Eheschließung geboren) worden.
Mehr – eine Albine, einen Hof, ein Häuschen – fand ich nicht. Doch die Unterschriften, Adressen, eine Ahnentafel und Verwandte namens Frey, Wimmer oder Czech zu haben genügt ja auch. Vorerst.

Zum Ort, zur Geschichte

Simmering wurde 1892 aus den Orten Simmering und Kaiserebersdorf zum 11. Wiener Bezirk. 1869 zählte er 12.840 Einwohner, 1880 schon 21.700, 1910 rund 43.100. Vor allem Arbeiter aus den damaligen Kronländern siedelten sich in der Nähe neuer Fabriken (Jutespinnerei, Waggonfabrik, Gaswerk) und der Ziegelherstellung (Laaer Berg) an.
Mietwohnungen kosten heute zwischen 7,20 und 10,23 Euro/m2 , neue Eigentumswohnungen zwischen 2592 und 4376 Euro/m2.

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