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Afghanistan

Taliban präsentieren erste Regierungsmitglieder

Archivbild einer Videobotschaft von Hassan Akhund (vorne Bildmitte) von Mitte August, der künftig die Regierungsgeschäfte Afghanistans führen soll.
Archivbild einer Videobotschaft von Hassan Akhund (vorne Bildmitte) von Mitte August, der künftig die Regierungsgeschäfte Afghanistans führen soll.Via REUTERS
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Die Taliban geben ein vorläufiges Kabinett bekannt. Innenminister wird Siradschuddin Hakkani, auf den in den USA ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Bei bisher größter Demonstration seit Machtübernahme der Taliban kritisierten die Protestierenden Pakistan und indirekt auch die Islamisten.

Die radikalislamischen Taliban haben drei Wochen nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan erste Mitglieder ihrer Regierung vorgestellt. Mullah Mohammed Hassan Achund werde an der Spitze der neuen Regierung stehen, sagte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid am Dienstag in Kabul. Taliban-Mitbegründer Abdul Ghani Baradar werde sein Stellvertreter.

  • Hassan Akhund, Chef des mächtigen Taliban-Entscheidungsgremiums „Rehbari Shura“, soll Premierminister werden.

  • Mullah Abdul Ghani Baradar soll dessen Stellvertreter werden. Der Mitbegründer und Vizechef der Islamisten wurde 2010 in Pakistan festgenommen - 2018 auf Druck der USA aber wieder freigelassen. Als Leiter des politischen Büros der Taliban in Katar war er wichtiger Ansprechpartner in den Verhandlungen mit den USA - mit dem damaligen Präsidenten Donald Trump sprach er am Telefon, Außenminister Mike Pompeo traf er persönlich. Im Februar 2020 unterzeichnete er dann das Abkommen über ein Ende des US-geführten Militäreinsatzes. Nach Interpol-Angaben ist er Jahrgang 1968. 

  • Siradschuddin Hakkani soll Innenminister werden. Das einflussreiche Oberhaupt des Hakkani-Netzwerkes ist einer von Achundsadas Stellvertretern. Das Netzwerk, das Washington unter anderem wegen Angriffen auf US-Bürger und Verbindungen zu Al-Kaida als Terrororganisation einstuft, wird für einige der grausamsten Anschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht. Hakkani soll Mitte 40 sein. Die USA haben ein Kopfgeld in siebenstelliger Höhe auf ihn ausgesetzt.

  • Mullah Jakub soll Verteidigungsminister werden. Der älteste Sohn des langjährigen, verstorbenen Taliban-Chefs Mullah Omar war bisher ein weiterer Stellvertreter in der Führung. Mit ihm soll der Mythos Omars als identitätsstiftendes Bindeglied am Leben gehalten werden. Er soll etwa Mitte 30 sein und die Milizen steuern.

  • Der 1970 geborene Amir Chan Motaki soll das Außenamt übernehmen. Er zählt ebenfalls zu den Taliban-Gründungsmitgliedern. Er war Bildungs- und Informationsminister
    während der Taliban-Herrschaft 1996 bis 2001. Später lebte er in Pakistan und wurde Teil der Rahbari-Schura, des Führungsrats der Taliban. Er gilt als eine der versöhnlichsten Figuren innerhalb der Bewegung und soll afghanische Politiker auch direkt aus dem politischen Doha-Büro kontaktiert haben. Aktuell leitet er die Versöhnungskommission. Es soll Achundsada sehr nahe stehen.

Proteste niedergeschlagen

In der afghanischen Hauptstadt Kabul haben Hunderte Menschen gegen Pakistan und die militant-islamistischen Taliban demonstriert. Männer wie Frauen zogen am Dienstag durch die Innenstadt und riefen gegen das Nachbarland gerichtete Sprechchöre und äußerten indirekte Kritik an den Islamisten. Lokale Medien berichteten von kurzzeitigen Verhaftungen ihrer Mitarbeiter durch Sicherheitskräfte der Taliban.

Die Demonstranten hielten Schilder, auf denen "Pakistan - Pakistan - raus aus Afghanistan" oder "Freiheit" stand, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Einem BBC-Reporter zufolge behaupteten die Demonstranten, Pakistan habe den Taliban bei ihrer Eroberung der Provinz Panjshir geholfen, die am Montag nach tagelangen Gefechten an die Islamisten gefallen war. Viele erwähnten zudem den Besuch des Chefs des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Faeez Hamid, der sich Sonntag und Montag mit der Taliban-Führung in Kabul traf.

Viele Afghanen, auch bisherige Regierungsvertreter, äußern die Überzeugung, dass Pakistan die Taliban unterstützt und ihnen bei ihrer jüngsten Militärkampagne geholfen habe, mit der sie das Land gewaltsam übernommen haben. Islamabad bestreitet dies.

Video: Taliban geben Schüsse in die Luft ab

In einem auf Twitter geteilten Video des Protests sagt ein Mann: "Das ist Kabul, Männer und Frauen sind auf den Straßen und skandieren gegen Pakistan und gegen die Taliban". Erneut sind "Freiheit"-Rufe zu hören. Diese sind wohl ein Hinweis auf die Unterstützung für Ahmad Massud, der die bewaffnete Nationale Widerstandsfront in Pandschir anführte und sich seit der gewaltsamen Übernahme der Provinz durch die Taliban versteckt hält. Er hatte am Montag in einer Audiobotschaft alle Afghanen zu einem nationalen Aufstand aufgerufen und kurz darauf nur das Wort "Freiheit" getwittert.

Mehrere lokale TV-Sender und Medien erklärten, ihre Mitarbeiter seien von Taliban über mehrere Stunden festgenommen worden. ToloNews erklärte, ein Kameramann sei nach fast drei Stunden freigelassen und ihm seine Kamera samt Aufnahmen des Protests zurückgegeben worden.

Ein ausländischer Journalist twitterte ein Video, auf dem Taliban in die Luft schießen, um Demonstranten zu vertreiben. In dem Kommentar zu dem Video schreibt er, dass die Islamisten auch Protestierende geschlagen hätten. In einem in sozialen Netzwerken geteilten Video ist zu sehen, wie ein Taliban-Kämpfer mehrere Frauen schlägt. Die Videos und Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Auch aus der Stadt Masar-i-Sharif im Norden und Ferus Koh in Zentralafghanistan gab es Berichte über Proteste. Ein Zivilrechtsaktivist aus Ferus Koh sagte, die Taliban hätten lokalen Medien verboten, über die Demonstration zu berichten.

Seit der Machtübernahme der Islamisten hatte es bereits mehrere Demonstrationen in Afghanistan gegeben. Der Protest in Kabul am Dienstag war der bisher größte und bedeutendste.

606 Millionen Dollar Bedarf an Nothilfe

Vor einer für Montag geplanten humanitären Geberkonferenz für Afghanistan hat das Nothilfebüro (OCHA) der Vereinten Nationen einen Bedarf von 606 Millionen Dollar für das Land bis Ende des Jahres gemeldet. "Die Grundversorgung in Afghanistan bricht zusammen. Die Nahrungsmittelhilfe und andere lebensrettende Hilfsgüter gehen zur Neige", sagte OCHA-Sprecher Jens Laerke am Dienstag in Genf. Mit dem Geld wollen Hilfsorganisationen fast elf Millionen Menschen vor Hunger bewahren und ihr Überleben sichern.

US-Außenminister Antony Blinken sagte am Dienstag bei einem Besuch im Golf-Emirat Katar, die USA seien in Kontakt mit den Taliban, um weitere Menschen aus dem Land zu evakuieren. Ziel sei es, dass weitere Charter-Flüge das Land sicher verlassen könnten. Die Taliban hätten zugesagt, all diejenigen aus Afghanistan ausreisen zu lassen, die Reisedokumente besäßen. Blinken lobte zudem die Rolle Katars bei den Evakuierungen der vergangenen Wochen. Kein Land habe mehr getan als Katar. Blinken reist weiter nach Deutschland, wo er den US-Militärstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz besuchen will und am Mittwoch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) treffen soll.

Einige der vom US-Militär ausgeflogenen Afghanen wollen als Flüchtlinge in Deutschland bleiben. Von den Tausenden Menschen, die zuvor auf dem US-Militärstützpunkt Ramstein untergebracht waren, hätten bisher rund 90 Menschen einen Asylantrag gestellt, teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Dienstag mit. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums kamen bis Montagvormittag insgesamt 34.103 Menschen aus Afghanistan in Ramstein an. Von diesen Evakuierten seien bis zu diesem Zeitpunkt 20.943 Menschen in die USA ausgeflogen worden.

(APA/dpa)