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"Wir haben Angst, dass sich Gaddafi rächen wird"

(c) REUTERS (KIM KYUNG-HOON)
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Die Rede des libyschen Machthabers Gaddafi am Dienstag hat einen Flüchtlingsstrom nach Ägypten ausgelöst. Italien befürchtet bis zu 1000 Tote. Libyens UN-Botschafter Ibrahim Dabbashi warnt vor einem "Völkermord".

Zu Hunderten kommen sie über die Grenze. Meist nur wenig Hab und Gut geschultert, schleppen sie sich durch das Tor des Grenzübergangs Salloum, der Libyen von Ägypten trennt, in Sicherheit. Die meisten sehen müde und erschöpft aus. „Gaddafi hat dem eigenen Land den Krieg erklärt“, sagt ein ägyptischer Elektriker, der sich nur als Ali vorstellen will. Viele haben ihre Taschen unmittelbar nach Gaddafis Rede am Dienstag gepackt, in der er die Aufständischen als Ratten und Kakerlaken bezeichnete.

Sie taten gut daran, denn der in die Enge getriebene Diktator ist zu allem bereit: Am Mittwoch zerschellte ein libyscher Kampfjet am Boden, nachdem sich die Besatzung per Fallschirm gerettet hatte. Sie hatte den Befehl erhalten, die Stadt Bengasi, das Zentrum der Proteste, zu bombardieren. Die Zahl der Todesopfer steigt stetig, Italiens Außenminister Franco Frattini hält Schätzungen von bis zu 1000 getöteten Demonstranten für glaubwürdig: Die Situation sei dramatisch, es bestehe die Gefahr eines Bürgerkrieges. Libyens UN-Botschafter Ibrahim Dabbashi warnte vor einem Völkermord.

 

Regimegegner marschieren auf Tripolis

Die Geschichten derjenigen, die aus den „befreiten Städten“ im Osten des Landes geflohen sind, gleichen sich genauso wie die Horrorgeschichten jener, die es aus dem teilweise vom Regime noch gehaltenen Westen bis hierher geschafft haben. Es sind die Geschichten eines geteilten Landes: Ali erzählt, dass Bengasi seit Tagen von den Aufständischen kontrolliert wird. Die Armee habe sich entweder zurückgezogen oder sei zu den Aufständischen übergelaufen. Waffen aus den Kasernen seien zunächst an die Aufständischen verteilt worden. Mittlerweile gibt es zwar Berichte, dass diese Waffen sukzessive wieder eingesammelt werden. Diplomaten berichteten allerdings, dass aus dem „befreiten“ Bengasi 5000 schwer bewaffnete Regimegegner auf dem Weg nach Tripolis seien.

Muhamed aus Tripolis im Westen des Landes erzählt ganz andere Geschichten: Vor zwei Tagen war er dort aufgebrochen, um den 2500 km langen Weg nach Ägypten zurückzulegen. Da war die libysche Hauptstadt noch immer unter der Kontrolle des Regimes, wenngleich viele begonnen hatten, auch hier auf den Straßen zu demonstrieren. „Nachts kamen dann die afrikanischen Söldner und schossen auf alles, was sich bewegt hat. Sie haben auch einmal in unsere Richtung gefeuert, aber Gott sei Dank schlecht gezielt“, erinnert er sich. Doch auch im Westen machten die Aufständischen am Mittwoch Boden gut: Die wichtige Küstenstadt Misurata soll sich bereits in ihren Händen befinden, berichtete der arabische Sender al-Jazeera.

Der Weg ab Bengasi, von wo es noch zehn Autostunden bis zur ägyptischen Grenze sind, wird nach Aussagen der Geflohenen von bewaffneten Stammesangehörigen kontrolliert, die sich den Aufständischen angeschlossen haben: „Sie haben die Ägypter nur durchgewunken und ihnen sogar noch Wasser mitgegeben“, erzählt einer der ägyptischen Arbeiter. Die libyschen Grenzsoldaten hätten ihre Posten verlassen: „Das erste Mal sind wir an der Grenze von ägyptischem Militär kontrolliert worden.“

 

„Gaddafi befahl Lockerbie-Anschlag“

Fast alle, die über die Grenze kommen, gehören zu den mindestens eine Million zählenden Ägyptern, die in Libyen arbeiten. Fast alle sind Männer, man sieht nur wenige Familien. „Bengasi ist von den Aufständischen kontrolliert und ruhig, aber wir haben Angst, dass Gaddafi sich nach seiner Rede am befreiten Osten rächen wird“, fürchtet ein Mann, der ein Baby im Arm trägt, während sich seine Frau bei ihm eingehakt hat. Zügig laufen sie weiter in Richtung der Kleinbusse, die eine kilometerlange Schlange gebildet haben, um die Geflohenen abzuholen und in die verschiedenen Teile Ägyptens zu bringen. Die Absetzbewegung vom Gaddafi-Regime geht derweil ungebrochen weiter. Vom zurückgetretenen Innenminister Abdul Fatah Younis kursiert ein Aufruf an die Sicherheitskräfte, sich an die Seite des Volkes zu stellen. Und der ebenfalls zurückgetretene Justizminister Mustafa Abdel Jalil enthüllte am Mittwoch, dass es Gaddafi selbst war, der 1988 den Befehl für den Lockerbie-Anschlag gegeben hatte: „Ich kann das beweisen“, sagte er der schwedischen Zeitung „Expressen“. Bei dem Anschlag auf ein US-Passagierflugzeug über dem schottischen Ort Lockerbie waren 270 Menschen getötet worden. Ein libyscher Ex-Agent war dafür verurteilt worden, das Regime hatte sich mit Entschädigungszahlungen „freigekauft“. Man darf gespannt sein, welche Enthüllungen die nächsten Wochen noch bereithalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2011)