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"Ein Nein bekommt man dauernd, wenn man eine Idee hat"

Marie Ringler
Marie Ringlerc Die Presse Clemens Fabry
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Gemeinsam mit Marie Ringler, der Leiterin der Non-Profit-Organisation Ashoka, hat "Die Presse" nach Lösungen für Probleme unserer Zeit gesucht.

Wir haben die Lösung!

Alle Welt redet über Probleme und Krisen, „Die Presse“ hat in dieser Ausgabe nach Lösungen gesucht – und gefunden.
Wir klagen seit Jahren über die Krise. Dazu über unzählige Problemchen, die uns das Leben schwer machen. Und über allem schwebt der Wunsch, das alles doch ein für alle Mal gelöst zu bekommen. Doch so ist das Leben nicht. Eigentlich müssten wir uns wünschen, dass uns die Probleme nicht ausgehen. Denn das Suchen nach Lösungen ist der Antrieb für die menschliche Existenz.
Gemeinsam mit der Non-Profit-Organisation Ashoka und deren Leiterin, Marie Ringler, hat „Die Presse“ unter der inhaltlichen Führung von Friederike Leibl und dem grafischen Konzept von Stefan Förstel in dieser Ausgabe nach Lösungen für bedeutende und weniger bedeutende Probleme unserer Zeit gesucht. Und Vorschläge zur Lösung der Eurokrise, wirksame Modelle gegen Korruption, Umgang mit dem Klimawandel, aber auch neue Formen des Gemüsehandels und Googles letzte Bibliothek entdeckt.

Sie waren viele Jahre in der Politik tätig. Was hat Sie damals bewogen auszusteigen?

Marie Ringler: Ich habe das zehn Jahre lange gern gemacht, und dann war ein Moment erreicht, an dem ich mir die Frage gestellt habe, wohin will ich mit meinem Leben? Es war klar, wenn ich jetzt noch ein paar Jahre Politik mache, dann werde ich das mein Leben lang machen. Und dann würde ich einer von diesen Menschen sein, die wir im Fernsehen sehen und daraufhin abdrehen. So wollte ich nie werden.

Ist die Rückkehr in die Politik ausgeschlossen?

Das Leben bringt immer neue Wendungen. Aber ich bin wirklich glücklich mit dem, was ich jetzt mache.

Wie kamen Sie zu Ashoka?

Ich habe Ashoka während meines MBA-Studiums in St. Gallen gefunden. Ich stellte mir gerade die Frage, wohin will ich. Damals stolperte ich über einen „Social Entrepreneur“ (von Ashoka geprägter Begriff eines „Sozialunternehmers“, Anm.), Thorkil Sonne, der von Ashoka unterstützt wird. Sein Sohn ist Autist. Sonne hat eine Firma gegründet, die Menschen mit Autisten einen Arbeitsplatz im IT-Bereich gibt. Ich habe gewusst, das sind die Dinge, die mich interessieren: diese Mischung aus unternehmerischem Handeln und gesellschaftlicher Gestaltung.

Gab es damals schon eine Österreich-Niederlassung?

Nein, die gab es noch nicht. Ich bin auf meine deutschen Kollegen zugegangen und habe gefragt, warum es das in Österreich nicht gibt. Ihre Antwort war, dass es niemanden gibt, der es macht, und ich habe gesagt, hervorragend, ihr habt gerade jemanden gefunden.

Worum geht es bei Ashoka genau?

Wir unterstützen Menschen, die mit unternehmerischem Geist ein gesellschaftliches Problem lösen wollen. Einerseits finanziell, andererseits, indem wir ihnen Zugang zu unserem weltweiten Netzwerk von Investoren verschaffen. Wir arbeiten mit einer ganzen Reihe an Pro-bono-Partnern („pro bono“ steht für „pro bono publico“, zum Wohle der Öffentlichkeit, Anm.) zusammen, etwa international tätigen Unternehmensberatungen, wie McKinsey & Company, Ketchum und Accenture. Sie unterstützen unsere Stipendiaten, die „Fellows“, dabei, ihre Strategie zu verbreitern, etwa, wenn sie rechtliches Rüstzeug brauchen, so wie Baker & McKenzie das für uns in Österreich tut. Das Zusammenführen von wirtschaftlichem Wissen und Denken und innovativen Ideen ist der Kern dessen, was wir tun. Insgesamt gibt es 3000 Fellows, die wir weltweit auf diese Weise unterstützen.

Wie sieht die finanzielle Unterstützung konkret aus?

Die Fellows bekommen das Stipendium als Gründerpersönlichkeit, mit der Verpflichtung und dem Ziel, sich drei Jahre lang ganz auf die Verbreitung ihrer Idee zu konzentrieren. Ohne dass sie sich Sorgen um ihre Miete und Arztrechnungen machen müssen.

Es ist also okay, mit sozialem Engagement Geld zu verdienen?

Worin wir unsere Fellows bestärken, ist, dass die Projekte finanziell nachhaltig sein sollen. Grundsätzlichen darf und muss soziales Engagement nicht auf Selbstausbeutung beruhen.

Was ist der Unterschied zu einer NGO?

Ashoka ist strikt überparteilich und überkonfessionell. Wir legen den Fokus auf die unternehmerische Gründerpersönlichkeit, die hinter einer Idee steckt. Unsere Social Entrepreneurs arbeiten teils als Non-Profit-Organisation und teils mit Gewinn, den sie wieder in die Wirkung reinvestieren. Uns interessieren Gründerpersönlichkeiten, die Möglichkeiten erkennen, Hürden überwinden, kreativ sind, sich nicht von einem Nein abschrecken lassen. Ein Nein bekommt man ja dauernd, wenn man eine neue Idee hat.

Gibt es eine gewisse Persönlichkeitsstruktur, die Menschen zu sozial engagierten Unternehmern macht?

Rund 90 Prozent unserer Fellows waren schon sehr früh, ab 12, 13 Jahren in irgendeiner Form in ihrem Umfeld aktiv. Das waren Menschen, die etwa eine Schülerzeitung gegründet haben oder die Schule dazu bewegt haben, den Sportplatz auch am Nachmittag aufzusperren. Und es sind nicht immer nur die Lauten. Es sind jene Menschen, die ein Problem erkannt und für sich den Freiraum genommen haben, etwas zu tun. Oder aber Erwachsene um sich hatten, die ihnen diesen Freiraum gaben. Die etwa sagten, wenn dich das stört, dass der Bus nur einmal in der Stunde fährt, dann tu was dagegen. Wenn man früh etwas gestalten kann, dann gibt das Selbstvertrauen, das Gefühl, ich muss nicht darauf warten, dass jemand anderer kommt und hilft.

Für welches Problem wünschen Sie sich dringend eine Lösung?

In Österreich suchen wir schon seit Längerem sehr intensiv Lösungen im Bereich Integration/Migration. Wir sehen zwar viele tolle Projekte, aber für uns ist der innovative Aspekt ausschlaggebend. Ich würde mich freuen, wenn vielleicht auch vonseiten der „Presse“-Leser Vorschläge für Kandidatinnen und Kandidaten kommen. Wichtig ist: Man braucht weder reiche Eltern noch irgendeine tolle amerikanische Ausbildung, und man muss auch nicht Bill Gates heißen, um etwas in der Gesellschaft verändern zu können.

Zur Person

Marie Ringler ist seit Februar 2011 Länderdirektorin und Geschäftsführerin von Ashoka Österreich und Zentral- und Osteuropa. Ashoka ist das weltweit größte Unterstützungsnetzwerk für Sozialunternehmer. Ringler war von 2001 bis 2010 Kultur- und Technologiesprecherin der Wiener Grünen, Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete in Wien. Studium der Soziologie und Politikwissenschaft, MBA an der Hochschule St. Gallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)