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Stars von 1914: »Jausnen Sie einmal mit einem Kaiser!«

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Zelebritäten im Zeitenwandel: Am 28. Juni 1914 wurden wegen der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo die Vorstellungen in den Wiener Hoftheatern eingestellt. Am 18. Oktober wurde wieder gespielt – das Publikum musste auch in den kommenden Jahren nicht auf Lieblinge wie Maria Jeritza verzichten.

Das alte Burgtheater, die vierte Galerie, ein Frühlingstag im Prater, ja das war noch Poesie“, heißt es im Wienerlied „Herr Doktor, erinnern Sie sich noch ans Zwölferjahr?“ 1912 wohlgemerkt, zwei Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus. Schon das „Zwölferjahr“ war alles andere als gemütlich: Im Vielvölkerstaat der österreichisch-ungarischen Monarchie gingen die Völker aufeinander los. Trost boten im musischen Wien die Oper und das Theater, speziell das Burgtheater.

Einer von dessen größten Götter, Josef Kainz – sein Name taugt als Sinnbild für „die ideale Burg“ bis in die Gegenwart als Totschlagargument gegen jeglichen Erneuerungsversuch – starb bereits 1910. 40 Mal rief ihn das Publikum für seinen Romeo vor den Vorhang. Auf Platten kann man auch heute noch seinen Hamlet-Monolog mit vielen rollenden Rs und hohen singenden Tönen hören. Das Burgtheater huldigte dem Pathos, einem Expressionismus, der vor allem bei Klassikern durchaus seine Qualität haben mochte. Hinter den Kulissen ging es wie auch heute oft skurril zu.

Institution Thimig. Hugo Thimig, Schauspieler, Regisseur, 1912–1917 auch Burgtheaterdirektor und bedeutendster Chronist des Hauses in dieser Zeit, schreibt über seinen Vorgänger Alfred Freiherr von Berger und dessen Ehefrau Stella von Hohenfels-Berger (1857–1920), die eine der wichtigen Schauspielerinnen war: „Wertvolle Zugstücke, in welchen die Frau des Direktors gespielt hat, dürfen nicht gebracht werden („Hamlet“, „Fiesko“, „Carlos“, „Weh dem, der lügt“, „Tasso“, „Was ihr wollt“, „Viel Lärm um nichts“ etc.). Die Frau des Direktors spielt nicht mehr. Sie kann auch nicht mehr spielen. Ihr Gedächtnis ist geschwunden, sie wird wohl nie mehr spielen. Ihre Garderobe darf von keiner anderen Darstellerin benützt werden; sie bleibt geschlossen, wie eine Gruft. Das ist ein krankhafter Zustand!“

Hugo Thimig (1854–1944) begründete eine der berühmtesten Theaterdynastien: Seine Kinder Hermann, Helene und Hans wurden ebenfalls namhafte Schauspieler. Helene Thimig war mit Max Reinhardt verheiratet. Hugo Thimigs Tagebücher sind eine Fundgrube. Seine Sammlung bildet den Grundstock des Österreichischen Theatermuseums. Sein Ende war tragisch: Zwei Tage nach dem Tod seiner geliebten Frau Fanny beging er Selbstmord. Das Grab der Thimigs befindet sich auf dem Sieveringer Friedhof.

Eine berühmte Burgschauspielerin war Katharina Schratt (1853–1940), „die uns durch ihre Freundschaft mit dem Kaiser (Franz Joseph I.) viel helfen konnte“. Das notierte eine Kollegin Schratts, Rosa Albach-Retty, sie war Romy Schneiders Großmutter und wurde 106 Jahre alt.

Hofschauspielerin Schratt ging nach Meinungsverschiedenheiten mit Burgtheaterdirektor Paul Schlenther mit 47 Jahren in Pension. Neben Hugo Thimig war Ernst Haeusserman (1916–1984) ein wichtiger Burg-Chronist: „Im Jahr 1916 wurde ich in das Burgtheater hineingeboren“, schreibt er in seinem Buch „Das Wiener Burgtheater“. „Mein Vater war damals im zweiten Jahr seines dreißigjährigen Burgschauspielerdaseins.“ „Die Sicherheit und die Freude, am Burgtheater zu sein, sind teuer erkauft“, sagte Reinhold Haeusserman (1884–1947). Ernst Haeusserman musste wegen seiner jüdischen Herkunft 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs nach Amerika emigrieren, verheiratet war er mit der Burgschauspielerin Susi Nicoletti.

Von 1959–1968 war Haeusserman Burgtheaterdirektor, er prägte, begleitete und beschrieb das Wiener Theater über Jahrzehnte. Wer waren nun die Burg-Größen der Kriegszeit, die heute noch in der Burg-Galerie in Öl zu bewundern sind? Lotte Medelsky kam 1896 ans Burgtheater, spielte Gerhard Hauptmanns Rose Berndt oder die Christine in Schnitzlers „Liebelei“.
1918 wurde der begnadete Volksschauspieler Alexander Girardi engagiert. Das Publikum war so begeistert von ihm, dass es seiner Kutsche die Pferde ausspannte und sie heimzog. Girardis Frau Helene Odilon nervte die Eifersucht ihres Mannes, sie versuchte, ihn in die Psychiatrie einzuweisen, Schratt rettete ihn. Girardi starb im selben Jahr, in dem er an die Burg engagiert wurde, er spielte dort immerhin noch zwei Rollen: den Bauern als Millionär und den alten Weyring, Vater der Christine, in der „Liebelei“.

Bleibtreu, Tressler, Arnold Korff. Kaiser Franz Joseph lud Girardi in die Hofburg ein und war schwer enttäuscht, dass er gar nicht lustig war. Schließlich fragte der Monarch: „Warum sind S' denn so ernst, Girardi?“ Der Schauspieler antwortete: „Jausnen Sie einmal mit einem Kaiser, Majestät!“

Burgschauspieler blieben trotz der bewegten Zeiten oft jahrzehntelang am Haus, die wunderbare Alma Seidler etwa, die 1919 engagiert wurde. Als der Krieg zu Ende war, sprachen Burggrößen wie Hedwig Bleibtreu, Lotte Medelsky, Otto Tressler und Arnold Korff, der 1911 in der Uraufführung von Schnitzlers „Weitem Land“ den Hofreiter spielte, beim sozialdemokratischen Wiener Bürgermeister Karl Seitz vor, um von ihm die Versicherung zu erhalten, dass das Burgtheater auch in der Republik weiter bestehen werde . . .

Wie das Burgtheater war auch die Hofoper, nach 1918 Staatsoper genannt, für die Wiener stets mehr als einfach ein Theaterbau. Burg und Oper galten und gelten als Instrumente der Identitätsstiftung zu allen Zeiten. Weshalb man auch in Kriegszeiten stets bemüht war, den Betrieb möglichst ungestört aufrechtzuerhalten. Im kaiserlich-königlichen Opernhaus erlebte man bald nach der Wiedereröffnung im Spätherbst 1914 den absoluten Publikumsliebling, Maria Jeritza, erstmals als Aida.

Wobei Verdi in jenen Jahren von der Zensur gerade noch toleriert wurde, freilich musste der Name eingedeutscht werden, zumindest der Vorname, sonst hätte der Komponist auf den Plakaten Josef Grün geheißen . . .

Alfred Piccaver, der Traumpartner der Jeritza in der 1913 von den Wienern haltlos umjubelten Puccini-Novität „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“, gab im November 1914 immerhin den Edgar in Donizettis „Lucia von Lammermoor“. Puccini durfte ja bald nicht mehr gespielt werden, denn er war einer der lebenden Italiener und daher in Kriegszeiten wie seine Kollegen Mascagni oder Leoncavallo verpönt!

Piccavers Lucia war übrigens Selma Kurz, das Koloraturwunder dieser Ära, das beim Direktor der Hofoper, Hans Gregor, rasch Ärgernis wegen der Höhe der Gage erregte. Als Mitten im Krieg die Neufassung von Richard Strauss' „Ariadne auf Naxos“ in Wien ihre Uraufführung erlebte, beschied der kühle Rechner: „Hundert Kronen pro Minute, das ist zu viel.“ Was Gregor nicht bedachte: Zerbinetta singt in der „Ariadne“ zwar nur 28 Minuten, die Gage der Kurz betrug tatsächlich 2800 Kronen, doch die Partie gehört zum Schwierigsten, was je für eine Frauenkehle komponiert wurde. Die Zeiten eines Gustav Mahler (Chef der Hofoper von 1897 bis 1907) waren offenkundig vorüber: Da hatten ausschließlich künstlerische Argumente gezählt.

Steckbrief

Burgtheater
Am 28. Juni 1914 wurde die Burg geschlossen, am 18. Oktober 1914 mit „Wallensteins Lager“ von Schiller wieder eröffnet. Auf Hugo Thimig folgte 1917 als Direktor der nationalkonservative Max von Millenkovich.

Staatsoper Der künstlerische Leiter des Hofoperntheaters hieß seit 1911 (bis zum Kriegsende) Hans Gregor – nach dirigierenden Direktoren erstmals ein Manager, der auch genau auf das Geld schaute. Anders als sein genialer Vorvorgänger Gustav Mahler hatte Gregor vor allem Glück: Die Uraufführungen der Strauss-Opern „Rosenkavalier“ (1911) und „Ariadne auf Naxos“ (mitten im Ersten Weltkrieg, 1916) fielen in seine Direktionsära.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)