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Corinna Milborn: „ Politiker sind zur Inszenierung gezwungen“

Corinna MiIborn will Politiker fragen, wie die Mühen der Ebene in der Politik aussehen(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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„Sommergespräche“. Puls-4-Infochefin Corinna Milborn über Massenmedien mit Propaganda-Touch, Politiker als Darsteller und Journalisten unter Beobachtung.

Die Presse: Morgen beginnen Sie Ihre „Sommergespräche“. Warum so früh?

Corinna Milborn: Wir wollten sie vor die Fußball-WM setzen, weil aus mir unerklärlichen Gründen viele Leute, die sich für Politik interessieren, auch Fußball schauen.

 

Es ist erst ein gutes halbes Jahr seit all den Interviews vor der Nationalratswahl vergangen. Warum sollen die Zuschauer jetzt schon wieder dafür einschalten?

Es gibt derzeit ein sehr großes Interesse an Politik. Und bei jedem der Parteichefs hat sich wahnsinnig viel geändert im letzten halben Jahr, es gibt große Brüche und deshalb kann man gut darüber reden, was Politik mit den Menschen und ihren Ambitionen macht.

 

Ist es nicht inflationär, wie viele politische Gespräche auf all den Sendern und Kanälen laufen?

Jedes Medium ist ein eigenes Produkt. Wir haben ein anderes Publikum als ein Krone-TV-Talk im Internet oder der ORF. Die Leute schauen sich ja nicht jeden Tag alle Interviews an, sondern haben Medien, denen sie vertrauen. Für den Zuseher ist die Medienvielfalt gut, für die Demokratie notwendig.

 

Und für den Politiker?

Ich habe nicht das Gefühl, das Politiker es sich nun stärker aussuchen können. Verschiedene Medien führen Interviews mit verschiedenen Zugängen, das finde ich richtig. Und bei uns funktioniert das Einladen gut – auch wenn die Politiker nicht immer übermäßig freundlich behandelt werden. Bedenklicher finde ich, dass Politiker durch Facebook und YouTube direkt eigene Massenmedien mit Propaganda-Touch aufbauen können. Das wurde bei der letzten Medienrevolution, der Erfindung des Fernsehens, durch das öffentlich-rechtliche System verhindert. Weil es eben nicht gut für die Demokratie ist, wenn die Propaganda-Möglichkeiten so groß sind.

 

Die Gespräche sollen persönlich sein?

Persönlich-politisch, nicht persönlich-privat. Wir wollen einen Schritt zurück machen und die Politiker fragen, mit welcher Ambition sie in die Politik gingen und wie die Mühen der Ebene aussehen. Wie sie ihre Rolle reflektieren.

 

Also nicht: Was lesen Sie?

Doch, die Bücherfrage stelle ich gern, das sagt viel über jemanden aus. Natürlich ist das Teil einer Inszenierung. Man muss aber trotzdem etwas auswählen.

 

Ist es für Sie bedenklich, dass die Inszenierung immer stärker zum Thema wird?

Es ist bedenklich. Aber ich glaube nicht, dass unsere Politiker nur Darsteller sind, sondern sehr starke Visionen und Ziele haben und wirklich für ein bestimmtes Gesellschaftsbild kämpfen. Sie sind in der Realität zu dieser Inszenierung gezwungen – wegen der Art, wie der Politikbetrieb funktioniert.

 

Und der Medienbetrieb. Geben persönliche Interviews dem Politiker nicht noch mehr Raum für Inszenierung?

Wir wollen den Versuch wagen, genau solche Themen zu behandeln und hinter die Kulissen zu schauen. Ich würde gern über die großen Linien reden, die Inhalte.

 

Haben schon alle Kandidaten für die Sommergespräche zugesagt?

Ja. Außer Peter Pilz. Er sagt, er kommt erst, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind – und wir warten. Vertretungen akzeptieren wir nicht. Strolz und Meinl-Reisinger versuchen wir beide zu bekommen und zu kombinieren, damit wir über Vergangenheit und Zukunft reden können.

Wie leicht fällt Ihnen die Wahlentscheidung?

Ich habe einmal gesagt, dass ich Weiß wähle, das fällt mir seither immer auf den Kopf. Es stimmt – aber es ist egal, was ich wähle: Es macht keinen Unterschied für meine Arbeit.

 

Journalisten stehen derzeit stark unter Beobachtung.

Ja. Aber ich weiß nicht, wie das früher war, ob es tatsächlich stärker wurde. Vielleicht war es immer so und wurde nur spürbarer.

 

Die Regierung hat eine Medienenquete für Juni einberufen. Was sollte dort passieren?

Wir stehen mit unserem öffentlich-rechtlichen System auf dem Niveau der 50er-Jahre, die Digitalisierung wurde verschlafen. Wir leben aber in einer digitalisierten Medienwelt, in der mit Google und Facebook zwei große amerikanische Konzerne die Hauptrolle spielen. Schaffen wir es, guten österreichischen Journalismus zu erhalten und zu finanzieren? Ich hoffe, dass man nicht nur versucht, einander das Wasser auf einem sehr kleinen Markt abzugraben, sondern die Situation erkennt. Es geht um viel.

 

Stehen Sie hinter den Gebühren?

Ich stehe hinter der Grundidee eines öffentlich-rechtlichen Mediums, das unabhängig von Politik und Wirtschaft von der Bevölkerung finanziert wird, Information und Kultur liefert. Aber die Umsetzung der Idee wird derzeit weder diesem Anspruch noch der neuen Medienwelt gerecht.

Zur Person:

Corinna Milborn, wurde 1972 in Innsbruck geboren, studierte Politikwissenschaft und Entwicklungspolitik in Wien, Granada und Guatemala. Sie arbeitete als Pressesprecherin beim WWF, ab 2003 als Journalistin für „Format“ und „News“ und schrieb mehrere Bücher. Seit 2012 moderiert sie beim Privatsender Puls 4, 2013 wurde sie zur Info-Chefin befördert. Ab Mittwoch führt sie die Sommergespräche auf Puls 4 mit allen Parteichefs, den Anfang macht Bundeskanzler Kurz (23. Mai), dann folgen Strolz u.a. (28. Mai), Kern (4. Juni) und Strache (11. Juni).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2018)