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Porträt

„Ich machte, was zu tun war“

Susanne Stein-Pressl vor ihrem Lieblingsbild. Man beachte das kleine Segelschiff.Andrea Lehky
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Susanne Stein-Pressl führt die Manz’sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung in fünfter Generation. Sie hatte eigentlich anderes vor.

Susanne Stein-Pressl (41) tut, was ihr Vater, ihr Großvater und viele Ahnen vor ihr taten: Sie leitet die Manz’sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung. Auch die Mutter kam aus der Branche, sie leitete den Kitzler Verlag.

Der Begriff „Buchhandlung“ ist ein wenig irreführend. Der gelernte Wiener denkt sofort an das Stammhaus am Wiener Kohlmarkt, zwischen der K.u.K Hofzuckerbäckerei Demel und dem touristenumschwirrten Loos Haus. Tatsächlich gestaltete Adolf Loos 1912 auch das Manz’sche Portal.

Damit hat es sich auch schon mit der Tradition. Die Zentrale sitzt seit 2001 in der Johannesgasse, auf vier modern-kreativen Stockwerken. Franz Stein, Susannes Vater, hatte die Übersiedlung als Geschäftsführer vorangetrieben, als das Stammhaus aus allen Nähten platzte. Und dabei wohl auch an die nächste Generation gedacht.

Juristin mit kleinem Handicap

Doch Susanne war Legastenikerin. „Ich bin nicht gern in die Schule gegangen“, erinnert sie sich. Sie habe „immer nur für die Fächer gelernt, in denen ich schlecht war. Motivierend war das nicht.“ Ein paar Lehrer bleiben ihr in guter Erinnerung, jene, die motivieren konnten. „In diesen Fächern war ich auch gut.“ Daraus zog sie eine Lektion fürs Leben: ihre Leute immer zu motivieren. „Meine größten Erfolge sind, wenn sie es dann aus sich heraus schaffen.“

Ungeachtet der schulischen Mühen studiert sie Jus, „das war schwer, weil jedes Wort zählt. Aber es musste nicht so blumig sein wie im Deutschaufsatz.“ Anwältin wollte sie werden, doch dann: „Das gerichtliche Streiten lag mir nicht.“ Die Arbeit beim Vater umso mehr. „Ich durfte bei der Studienliteratur mitarbeiten. Mein Vater war immer geschockt, wenn er mich aus LexisNexis-Büchern lernen sah.“

Auch die Mutter tat das Ihre, damit die Tochter ihre Anwaltspläne bald über Bord warf. Das Jobben im mütterlichen Verlag verhalf ihr zum Überblick, wie Projektarbeit funktioniert: „Es war alles viel kleiner. Aber wenn man einmal weiß, wie ein Projekt funktioniert, ist es egal, ob man vier oder 14 am Laufen hat.“

Nach Gerichtsjahr und Traineeship in der Schweiz (wenig überraschend bei einem juristischen Fachverlag) stieg Stein-Pressl als Assistentin des Vaters im Familienbetrieb ein. Doch 2005, nach nur einem Jahr, verstarb er unerwartet. Da war sie 27 Jahre alt. „Ich hätte noch viel bei ihm lernen wollen“, sagt sie. „Mir blieb nichts übrig, als ins kalte Wasser zu springen. Ich machte, was zu tun war.“

In Familienunternehmen halten nach einem Schock alle zusammen. „Wir wollten, dass es weitergeht.“ Wer das nicht wollte, setzt sie nach, ging ohnehin bald.

Online vs. Digital

Der Vater war noch ins Online-Zeitalter gestartet. Online, das heißt, „dass man die Dinge, die man Print produziert, ins Netz stellt.“ Ihrte Aufgabe sei, den Verlag ins digitale Zeitalter zu führen. Das bedeute ständige Interaktion mit den Nutzern, ständige Kommunikation und Verfügbarkeit. Demnächst sollen Anwälte ihre Schriftsätze einscannen und einem „Linkbutler“ schicken können, der passende Zitierungen heraussucht: „Sie ,sprechen‘ miteinander.“

Digitalisieren, das heißt auch Beteiligungen an Start-ups, die juristische Prozesse standardisieren. So wie Firmenbucheinträge: „Man gibt die Daten ein und die Plattform generiert einen rechtssicheren Antrag.“ Das ersetze nicht die Unterschrift von Anwalt oder Notar, aber es entlaste dessen Sekretärin.

Was die Verlegerin wieder zum Thema Bildung führt: „Menschen, die digital arbeiten, müssen besser geschult sein als bisher. Sie müssen die Prozesse besser verstehen, müssen ein höheres Bildungslevel haben. Und das ist ein gesellschaftspolitisches Problem.“

Auch ein personalpolitisches: Jusabsolventen zu finden, die wie sie nicht in Kanzleien gehen wollten, genügte nicht mehr. Die Kandidaten müssen nun auch technikaffin sein. Der Rest ist eine Frage von Motivation und Weiterbildung. Bei 170 Mitarbeitern kennt sie noch jeden persönlich und schaut sich an, „was er in Zukunft braucht.“ Das lässt sie dann schulen. Und zwar so, „dass er das, was er aus der Zeitung weiß, in Bezug zu seiner täglichen Arbeit setzt.“ So schwer sei richtiges Lernen doch nicht, oder?

Auf einen Blick

Seit 2005 führt Susanne Stein-Pressl die Manz’sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung als geschäftsführende Gesellschafterin in fünfter Generation. Ihr obliegt es, das Haus ins digitale Zeitalter zu entwickeln. Das erfolgt über Beteiligungen an LegalTech Start-ups und Zukäufe wie die Dataweb-Dienste der Telekom Austria 2013. Aktuell halten sich Print- und Digitalumsätze die Waage. Das wird sich rapide ändern. Seit Mai 2019 ist Manz wieder zu 100 Prozent in Familienbesitz.

("Die Presse" Print-Ausgabe 23. November 2019)