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Österreicher des Jahres

„Oma? Nachbarn? Helfen wir doch allen“

Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) überreichte Elias Bracher und Mahmoud Mahmoud (r.), die die Aktion „Einkaufen gegen Corona“ ins Leben gerufen haben, die Trophäe.(c) Die Presse/Clemens Fabry (Clemens Fabry)
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Mahmoud Mahmoud und Elias Bracher wagten sich im Lockdown für andere hinaus.

Wie viele Kilometer sie zu Fuß absolviert haben, wissen Mahmoud Mahmoud, Elias Bracher, Paul Hofbauer und Mete Argun nicht mehr. Auch nicht, wie viele Einkaufstaschen sie geschleppt, wie viele neue Straßen sie entdeckt und wie viele fremde Gesichter sie zum Strahlen gebracht haben. Eines aber können die vier Schüler mit Sicherheit sagen: „Es hat sich gut angefühlt.“

Es, damit meinen die 15-Jährigen ihr Engagement, das sie im Frühjahr, während des Lockdowns, an den Tag gelegt haben. Genauer gesagt ab dem 13. März. „Es war ein Freitag“, erinnert sich Bracher, „und es hieß, dass wir wegen des Coronavirus ab Montag vorerst nicht mehr in unser Gymnasium in der Rahlgasse in Wien Mariahilf kommen dürften.“ Daheim sitzen und Playstation spielen, das wollten die Jugendlichen aber nicht. „Da das Covid-19-Virus Jugendlichen weniger ausmacht, fanden wir, dass es besser ist, wenn wir hinausgehen und nicht Leute wie mein Vater, der an Diabetes leidet und schon zwei Herzinfarkte hatte“, sagt Mahmoud. Noch im Schulgebäude riefen die Freunde den Instagram-Account „Einkaufen gegen Corona“ ins Leben. „Wir gaben unsere Namen und Telefonnummern an und ermutigen all jene, die zu den Risikogruppen zählen, sich zu melden“, erzählt Bracher. Konkret: Personen über 60 Jahre, Menschen mit Vorerkrankungen oder Alleinerziehende. „Wir sagten uns: Warum sollen wir nur für unsere eigenen Eltern, die Oma oder unsere Nachbarn einkaufen, zur Apotheke, in die Drogerie, Wäscherei oder auf die Post gehen, helfen wir doch gleich ganz Wien“, fasst Mahmoud zusammen.

Noch am selben Tag begannen die Handys der Teenager, die am Donnerstag im Rahmen der Austria zu den „Österreichern des Jahres“ 2020 gekürt wurden, zu läuten und piepsen. Die Schüler besorgten sich Handschuhe und Masken und teilten sich in Teams auf. „Anders hätten wir nicht alles tragen können“, sagt Mahmoud. „Einmal mussten wir einen Weg zu zweit dreimal hin- und herlaufen, da der Kunde so viele Aufträge hatte“, schildert der Wiener mit ägyptischen Wurzeln. Auch das Timing war eine Herausforderung: „Anfangs hatten wir zwei, drei Anrufe pro Tag, bald liefen wir täglich von zehn bis 18 oder 19 Uhr durch.“

Unterwegs waren die Schüler mit Bus, Straßenbahn, U-Bahn und – vor allem – zu Fuß. „Wir haben viele neue Ecken von Wien kennengelernt“, erzählt Mahmoud – „und einige Geschäfte, die ich ohne diese Aktion nie von innen gesehen hätte, so versteckt, waren die“, sagt er lachend. „Ohne Google Maps wären wir aufgeschmissen gewesen.“

Bald wählten auch Journalisten die Nummer der Helfer. „Der ORF wollte ein Interview“, sagt Mahmoud. Auch in französischen, kanadischen und ägyptischen Medien wurde über die Initiative berichtet. „Ein österreichischer Politiker hat uns sogar angeboten, uns mit dem Auto zu fahren, wir lehnten ab“, sagt Bracher. „Wir wollten einfach helfen, nicht berühmt werden.“

Ganz um die Politik herum kamen die Gymnasiasten dennoch nicht: „Nachdem wir nominiert wurden, lud uns ,Presse‘-Chefredakteur Rainer Nowak zu einem Interview ins Café Landtmann“, erzählt Mahmoud, der sich für den Termin eigens eine Krawatte umgebunden hatte. „Wir waren sehr aufgeregt, umso mehr, als Ingrid Thurnher vom ORF auftauchte und meinte, wir sollten mitkommen, sie hätte eine Überraschung für uns.“ Und zwar eine doppelte: „Wir durften ins Kanzleramt, wo uns Sebastian Kurz den Preis überreichte – und sagte, hätte er gewusst, dass ich Krawatte trage, hätte er sich auch eine umgebunden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2020)