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Der Kult um die perfekte Hochzeit

Kult perfekte Hochzeit
Symbolbild(c) Www.BilderBox.com
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Heute wird seltener geheiratet, dafür aber individueller und exklusiver. Eine Hochzeit muss maßgeschneidert auf das Paar abgestimmt sein. Webportale, Foren, Magazine und Hochzeitsmessen forcieren diesen Trend.

Früher war alles einfacher: Man ging aufs Standesamt, in die Kirche und anschließend zum Kirchenwirt. Um Mitternacht wurde die Braut von den Freunden des Bräutigams entführt, man kippte noch ein paar Schnäpse und der „schönste Tag im Leben“ war vorbei. Dazwischen gab es zwar auch ein weißes Kleid, eine Hochzeitstorte, Geschenke, ein paar traditionelle Spiele und ausreichend Essen und Trinken. Viel Auswahl hatte man dabei aber nicht.

Heute ist das anders. Es darf nicht irgendein Standesamt sein, nicht irgendeine Kirche und schon gar nicht der Kirchenwirt. Hochzeiten werden perfekt geplant, nicht selten ein bis zwei Jahre vor dem Ereignis. Sie müssen genau den persönlichen Stil des Brautpaares treffen und sollen für alle ein unvergessliches Erlebnis sein. Besonders deutlich zeigt sich dieser Unterschied in den Details. Das Brautkleid wird akribisch ausgewählt. Hochzeitsmagazine, Webportale und Internetforen helfen dabei. Frau muss das richtige Kleid haben, das perfekt zu ihr passt. Der Druck, genau das eine zu finden, treibt nicht selten Braut, Freundinnen und Verkäuferin zur Verzweiflung.

Um die richtige Location zu finden, werden Expeditionen inklusive zahlreicher Probeessen absolviert. Und weil Porträtfotos zwischen Agape und Sektempfang vielen dann doch zu wenig sind, gibt es einen Fotografen und einen Kameramann, die alle emotionalen Momente einfangen.

Eine Hochzeit zu planen wird für manche Brautpaare, wenn schon nicht zur Lebensaufgabe, so doch zu einer Herausforderung, die sich über ein bis drei Jahre erstreckt. Nicht selten ist die Enttäuschung groß, wenn dann die Party einfach vorbei ist.

„Früher ging es eher darum, dass man einen Partner fürs Leben findet und den heiratet. Da stand die Beziehung im Vordergrund. Heute geht es darum, dass das Fest perfekt zu einem selbst passt“, sagt Gabi Socher. Die Salzburgerin ist seit 1999 als Hochzeitsplanerin tätig und somit eine der Ersten, die das Geschäft mit dem romantischen Ereignis entdeckt hat. Trotz sinkender Zahlen der Eheschließungen hat sie genug zu tun.

„Es wird zwar weniger geheiratet, aber die, die heiraten, tun das viel bewusster und legen sehr viel Wert darauf, wie das Fest gestaltet ist“, sagt Ethnologe Rudolf Schipfer vom Österreichischen Institut für Familienforschung. Er führt das auf die fehlende Notwendigkeit zur Eheschließung zurück. Außerdem stehen, dank hoher Scheidungsrate, die Chancen auf eine zweite Hochzeit nicht schlecht.


Pseudoreligiöse Zeremonien.
37.493 Paare schlossen 2010 standesamtlich den Bund der Ehe. Das sind um 5,9 Prozent mehr als im Jahr 2009. Seit 1999 schwankt diese Zahl zwischen 34.000 und 39.000. 2001 gab es einen starken Rückgang, danach stieg die Zahl bis 2005 wieder an, um ab 2006 neuerlich zu sinken. Bei kirchlichen Trauungen gibt es hingegen einen deutlichen Abwärtstrend. Während es 1990 noch 25.420 Trauungen gab, holten sich im Jahr 2009 lediglich 12.188 Brautpaare den Segen der Kirche.

Das hält die Brautpaare aber nicht davon ab, sich für standesamtliche Zeremonien an kirchlichen Ritualen zu orientieren. „Man heiratet weniger, aber dafür sehr demonstrativ. Klassische Instanzen wie die Kirche fallen weg. An ihre Stelle treten Freunde und Verwandte“, sagt Rudolf Richter vom Institut für Soziologie der Universität Wien. Er spricht von einer Rückkehr (kirchlicher) Rituale, die in säkularer Form wieder auftauchen. Während man in den 1970er- und 80er-Jahren im Zuge der Säkularisierung bewusst auf Rituale und Zeremonien verzichtet hat, kommen diese langsam wieder zurück. „Es wird mit großem Pomp gefeiert. Dabei geht es aber nicht um die Demonstration des eigenen Reichtums, sondern um die Demonstration der Wichtigkeit des Ereignisses“, so Richter.


Keine Pflichteinladungen. Brautpaare bereiten ihre Hochzeit gezielter, detaillierter und individueller vor. Und zwar nicht nur die Frauen. Auch Männer binden sich immer mehr in die Vorbereitungen ein. Man sucht sich genau aus, wen man bei der Zeremonie dabei haben will. Die üblichen Pflichteinladungen jener Menschen, die man eigentlich nicht unbedingt dabeihaben will, werden seltener. Daran ist auch der allgemeine Trend zur Individualisierung nicht ganz unbeteiligt. „Die Anzahl der Gäste ist im Schnitt um 20 bis 30 auf rund 80 Personen zurückgegangen“, sagt Daniel Kauss, der gemeinsam mit Judith Fröschl das Webportal „Hochzeit feiern“ leitet und DJs für Hochzeiten vermittelt. Das Budget der Brautpaare ist deshalb aber nicht geringer geworden. Bei den rund 600 Hochzeiten, die Kauss in erster Linie musikalisch betreut, stand jeweils ein Hochzeitsbudget von rund 15.000 Euro zur Verfügung. Seine Schätzungen decken sich mit den Zahlen der Wiener Wirtschaftskammer. 10.000 bis 20.000 Euro gibt demnach ein Brautpaar für die Zeremonie aus.

Kauss betreut auch Hochzeiten in Deutschland und der Schweiz – und stellt dabei einen Unterschied fest: „In Österreich wird nicht aufs Geld geschaut. Für uns ist der Markt deutlich attraktiver als in Deutschland, wo es eine Tendenz zum Geiz gibt.“ Auch in der Schweiz ist man beim Budget selten zurückhaltend.


Kredit für die Feier.
Die Großzügigkeit sich selbst gegenüber geht teilweise so weit, dass Menschen Kredite aufnehmen. „Bei Hochzeiten gibt jeder Geld aus, auch wenn man es nicht hat“, sagt Ursula Effenberger, die seit 19 Jahren die Hochzeitsmesse „Trau dich“ organisiert. Wobei sie Unterschiede zwischen Stadt und Land ausgemacht hat. In manchen Dörfern sei es üblich, dass der Wirt dem Brautpaar und den engsten Verwandten Speis und Trank spendiert. Die Gäste müssen für die Verpflegung selbst aufkommen. Allerdings ist das eher die Ausnahme, die meisten Paare zeigen sich spendabel.

Das beginnt bereits bei der Auswahl der Räumlichkeiten. Statt beim Wirt ums Eck – am Land teilweise noch üblich – wird im Freien, im Palais oder im Schloss geheiratet. „Viele Paare suchen sich bewusst einen Ort aus, an den sie später gern zurückkehren“, sagt Hochzeitsplanerin Socher. Auch bei der Dekoration – oft rund um ein bestimmtes Thema – und beim Brautkleid wird nicht gespart. „Als ich 1999 begonnen habe, wollte noch jede zweite Braut ein schlichtes Kleid ohne Schnickschnack. In den letzten Jahren haben die Damen viel mehr Mut zur großen Robe mit langer Schleppe, Spitze und Schleier gezeigt.“


Trend zur Zweithochzeit. Viele ihrer Brautpaare, die Freunde im Ausland haben, beschränken sich bei den Feierlichkeiten nicht auf einen Tag. „Wedding Weekends“ von Freitag bis Sonntag werden in den letzten acht, neun Jahren bei der Hochzeitsplanerin vermehrt in Auftrag gegeben.

Und noch einen Trend hat Socher ausgemacht: Die Brautpaare werden älter. Schon beim ersten Mal wird später geheiratet. Und viele feiern noch eine zweite Hochzeit. „Die wissen, was sie wollen und heiraten bewusster. Außerdem nehmen dann die Eltern kaum Einfluss.“ Menschen, die zum zweiten Mal heiraten, sagt Soziologe Richter übrigens eine besonders lange Ehe voraus: „Ehen halten heute so lang wie noch nie, allerdings meist erst beim zweiten Anlauf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2011)