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Umweltschutz

Maurer kontert Kurz: Wer lebt in der Steinzeit?

Eine große Belastung für das Koalitionsklima sieht Sigrid Maurer in den Aussagen des Kanzlers zwar nicht. Den Seitenhieb des Kanzlers auf ihre Partei lässt sie aber nicht auf sich sitzen.
Eine große Belastung für das Koalitionsklima sieht Sigrid Maurer in den Aussagen des Kanzlers zwar nicht. Den Seitenhieb des Kanzlers auf ihre Partei lässt sie aber nicht auf sich sitzen.Die Presse/Clemens Fabry
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Der Weg aus der Klimakrise spaltet weiter die Koalition. Kanzler Kurz hatte sich in der Debatte um den Bau der Schnellstraße S18 öffentlich gegen Umweltministerin Gewessler gestellt. Daraufhin meldet sich nun Grünen-Chefin Sigrid Maurer zu Wort.

Während sich Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) im jüngsten koalitionsinternen Scharmützel ums Klima gelassen gibt, findet die Grüne Klubobfrau Sigrid Maurer klare Worte. "Wer glaubt, die Klimakrise bewältigen zu können, ohne etwas zu verändern, der lebt in der Steinzeit", kontert sie die Aussagen des Bundeskanzlers. Dieser hatte zuvor betont, die Bekämpfung des Klimawandels sei auch ohne Verzicht möglich, der Weg sollte „nicht zurück in die Steinzheit führen". Vielmehr müsse auf Innovation und Technologie gesetzt werden.

"Der Kanzler hat hier seine persönliche Meinung geäußert", meinte Maurer. Denn im Nationalrat sei erst am Montag mit großer Mehrheit von vier Fraktionen - ÖVP, Grünen, SPÖ und Neos - ein Entschließungsantrag beschlossen worden, der die Prüfung einer umweltfreundlicheren und schnelleren Alternative zur S18 vorsieht - dies sei also ein klarer Auftrag aus dem Parlament an die Regierung, betonte Maurer.

Gewessler: „Kann mit der Diskussion wenig anfangen"

"Ich kann mit der Diskussion relativ wenig anfangen", meinte hingegen die Umweltministerin am Donnerstag bei einer Pressekonferenz auf Journalistennachfrage. Auf die Umweltschutz-Verzichtsdiskussion wolle sie nicht einsteigen. Die Klimakrise stelle "unsere Lebensgrundlage infrage".

Gewessler sieht großen Handlungsbedarf. "Wir haben im letzten Jahr sehr intensiv erlebt, was es heißt, auf einem kranken Planeten zu leben. Auf einem kranken Planeten gibt es kein gesundes Wirtschaften", so die Umweltministerin. Ziel sei es, den Kindern künftig "ein Stück von diesem wunderschönen Land noch intakt zeigen zu können". Es gehe darum, dass "wir in Österreich noch ein gutes Leben haben können 2040, 2050. Dafür müssen wir jetzt etwas tun." Die Ministerin verwies auf die Umweltschutzvorhaben im Regierungsprogramm. "Dafür hat die Bundesregierung eine große Verantwortung übernommen."

Ebenso wie Kurz will zwar auch Gewessler auf Innovationen im Umweltschutz setzen. "Ich bin ganz bei der Meinung des Herrn Bundeskanzlers, das heißt nicht zurück in die Vergangenheit, das heißt mutig vorangehen." Man dürfe sich gerade jetzt "nicht von altem Denken bremsen lassen" und nicht immer auf jene hören, "die automatisch nein sagen", fügte sie freilich hinzu.

Politischer Gegenwind für Gewessler

Seit die Prüfung der Asfinag-Neubauprojekte publik wurde, weht Gewessler heftiger politischer Gegenwind aus den Bundesländern entgegen. Schon vor zwei Wochen hatte sich Kurz an die Seite der Länder gestellt: "Wir brauchen eine gute Infrastruktur, gerade im ländlichen Raum", argumentierte der Kanzler, er sei "sehr optimistisch, dass sich der Hausverstand durchsetzen wird", denn es handle sich ja um langjährige Projekte.

Auch bei seinem jüngsten Besuch in Vorarlberg stellte sich Kurz nun gegenüber dem ORF im Zusammenhang mit der Bodensee-Schnellstraße S18 wieder offen gegen die Umweltministerin seiner Koalition: "Der Landeshauptmann und ich sind da einer Meinung. Wir sind an der Seite der Bevölkerung. Das Projekt ist schon lange geplant, es ist schon lange versprochen und es muss auch durchgeführt werden." Warum der ÖVP-Klub im Parlament allerdings zuletzt bei einem Antrag dabei war, der Gewessler in dieser Sache den Rücken stärkte, "das weiß ich nicht", erklärte Kurz in den "Vorarlberger Nachrichten" (Donnerstag-Ausgabe). Der ÖVP-Klub wollte die Sache am Donnerstag nicht kommentieren.

Kurz warnt vor „Weg zurück in die Steinzeit"

Während Gewessler jedenfalls den Verkehr als großes Sorgenkind sieht, meinte Kurz, "dass es vollkommen falsch wäre zu glauben, dass wir das Klima in Zukunft dadurch retten können, dass wir uns nur noch im Verzicht üben", denn "der einzig richtige Zugang" sei, auf Innovation und Technologie zu setzen. "Der Verzicht auf Mobilität, der Verzicht zum Arbeitsplatz zu fahren und auf Individualverkehr, das wird nicht funktionieren", befand er in den "VN". "Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass unser Weg zurück in die Steinzeit sein sollte. Ich halte weder etwas von der ständigen Politik des erhobenen Zeigefingers noch von Fantasien, dass man irgendwie leben könnte wie im vergangenen Jahrhundert."

Der Streit zwischen Grünen und ÖVP um die Straßenbauprojekte schwelt schon seit drei Wochen. Da wurde bekannt, dass die Neubauprojekte der Asfinag aktuell im Rahmen einer Evaluierung bis Herbst geprüft werden, darunter auch heiß umstrittene wie der Lobautunnel in Wien. Die Länder protestierten lautstark. Gewessler gab sich einigermaßen überrascht über die Aufregung, schließlich habe sie die Sache bereits im Dezember per parlamentarischer Anfrage transparent gemacht.

Blümel: „Geht mehr um Ideologie"

Befeuert wurde die Debatte jedenfalls nicht nur von den Ländern und Teilen der Opposition, sondern auch vom Koalitionspartner im Bund selbst: So richtete Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) seiner Grünen Regierungskollegin im Radio aus, dass er Verständnis dafür habe, "wenn bei manchen der Eindruck entsteht, dass es hier weniger um sachliche Überprüfung und Verbesserungsmöglichkeiten, sondern mehr um Ideologie geht". "Klimaschutz ist keine Ideologie, Klimaschutz ist ein Fakt", konterte Gewessler. Kurz rief in weiterer Folge nach dem "Hausverstand", sein türkiser Staatssekretär in Gewesslers Haus, Magnus Brunner, legte noch ein Schäuflein nach und warf der Ressortchefin "Verunsicherung" durch ihre "Alleingänge" vor. "Bei Infrastrukturprojekten sitzen immer sehr viele Interessen am Tisch – regionale, überregionale, die Interessen der Wirtschaft. Und mit mir sitzen jetzt auch der Klimaschutz und der Umweltschutz am Tisch", gab sich Gewessler nach außen dennoch unbeeindruckt.

Formeller Koalitionsbruch im Bundesrat

Seine Fortsetzung fand der Konflikt im Parlament, und zwar zunächst im sonst öffentlich eher wenig beachteten Bundesrat. Dort wurde das Thema vergangenen Donnerstag mittels Dringlicher Anfrage der FPÖ an Gewessler am Köcheln gehalten. Das wäre per se noch kein Aufreger, ebenso wenig wie der - unverbindliche - Entschließungsantrag des steirischen SPÖ-Bundesrats Horst Schachner, der Gewessler auffordert, den "Umsetzungsstopp für alle sehr wichtigen Projekte auf Autobahnen und Schnellstraßen" sofort zurückzunehmen. Unerwarteterweise und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt fand der Antrag allerdings eine Mehrheit, weil nicht nur SPÖ und FPÖ dafür stimmten, sondern entgegen der Koalitionslinie auch die Vorarlberger ÖVP-Bundesrätin Christine Schwarz-Fuchs. Tatsächlich ist die S18 im Entschließungsantrag gar nicht in der Liste der betroffenen Projekte angeführt. 

Zwar hat die Mehrheit für den Entschließungsantrag im Bundesrat keine praktischen Auswirkungen, symbolisch schaut die Sache aber natürlich ungünstig aus. Die Grünen drängten daraufhin auch darauf, im Nationalrat am vergangenen Montag einen weiteren Entschließungsantrag einzubringen, der von Gewessler eben eine Prüfung von Alternativen zur Vorarlberger S18 fordert. Der Entschließungsantrag wurde letztlich gemeinsam von Grünen und ÖVP eingebracht. Auch die beiden Vorarlberger VP-Mandatare stimmten mit, wenn auch zähneknirschend. "Der Antrag wurde der ÖVP von den Grünen regelrecht abgenötigt in Zusammenhang mit dem Misstrauensantrag gegen Finanzminister Gernot Blümel in derselben Sitzung", rechtfertigte sich der Vorarlberger Abgeordnete Karlheinz Kopf danach. Der Grüne stellte einen solchen Zusammenhang in Abrede. Gewessler begrüßte am Donnerstag explizit den "deutlichen Auftrag" des Parlaments zur Prüfung des Schnellstraßen-Vorhabens in Vorarlberg. "Ich halte mich daran, das Parlament ernst zu nehmen und werde das natürlich auch machen."

Koalition gefährdet?

Eine große Belastung für das Koalitionsklima sieht Sigrid Maurer in den Aussagen des Kanzlers jedenfalls nicht - "wir haben bei vielen Dingen unterschiedliche Ansichten". Dennoch lässt die Grüne Klubobfrau den Seitenhieb des Kanzlers auf ihre Partei nicht auf sich sitzen: Man habe Klimaneutralität und ein Ende der Bodenversiegelung vereinbart, und die Evaluierung der Straßenbauprojekte sei ein Schritt dazu. "Wir reden nicht von Eisbären auf weit entfernten Polkappen, sondern die Auswirkungen der Klimakrise sind direkt bei uns spürbar", verwies Maurer auf Hitzewellen und Überschwemmungen. "Den Bäuerinnen und Bauern vertrocknet die Ernte auf den Feldern", warnte sie. "Die Menschen erwarten sich zurecht, dass die Politik alles daran setzt, die Klimakrise hintanzuhalten", erklärte Maurer. "Wer glaubt, die Klimakrise bewältigen zu können, ohne etwas zu verändern, der lebt in der Steinzeit", richtete sie Kurz aus.

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) meinte bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Gewessler, die Debatte sei keine große Belastung für die türkis-grüne Koalition. Es funktioniere trotz Meinungsverschiedenheiten ganz gut. Man werde in "den nächsten Monaten und Jahren konstruktiv zusammenarbeiten".

Die SPÖ hingegen ortet „einen Koalitionskrach nach dem anderen“. „Kurz macht die Grünen mit seinem Steinzeit-Sager lächerlich, während die Grünen durch ihre Blockade längst geplanter Projekte provozieren“, so Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch in einer Aussendung. Die Bevölkerung werde „durch diese absurden Machtspiele" verunsichert, kritisierte er.

(APA/Red.)