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Die Zukunft ist ein Europa der Regionen

Wirtschaft: Lokal vorhandene Ressourcen nutzen – die Kohäsionspolitik der Europäischen Union sollte die harmonische Entwicklung der gesamten Gemeinschaft fördern.

Herwig Hösele, Herfried Münkler, Benita Ferrero-Waldner, Christopher Drexler, Barbara Eibinger-Miedl und Bischof Wilhelm Krautwaschl.
Herwig Hösele, Herfried Münkler, Benita Ferrero-Waldner, Christopher Drexler, Barbara Eibinger-Miedl und Bischof Wilhelm Krautwaschl. Fischer
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Die EU-Kommission erwartet heuer rund ein Prozent Wirtschaftswachstum – eine kleine Steigerung gegenüber früheren Prognosen. Dennoch fällt es schwächer aus als in den USA und China. Allerdings präsentieren sich die Wachstumserwartungen innerhalb der EU unterschiedlich: Zwischen den Staaten, aber auch innerhalb einzelner Regionen gibt es gravierende Unterschiede. So konnte Salzburg im Jahr 2022 ein Plus von mehr als neun Prozent verzeichnen, während das Bruttoregionalprodukt in der Steiermark lediglich um dreieinhalb Prozent wuchs.

Weshalb die Entwicklung einzelner Regionen derart unterschiedlich verläuft, was weniger erfolgreiche von erfolgreicheren Regionen lernen können und welche Rolle die Politik spielt, erörterte Moderator Jakob Zirm, „Die Presse“, mit Ilse Bartenstein, Geschäftsführerin der G.L. Pharma, Holger Bonin, Direktor des Instituts für Höhere Studien, Richard Kühnel, Direktor für Kommunikation bei der Europäischen Kommission, und Michal Malacka, Vizerektor der Universität Olmütz.

Eine Art Schockstarre

Unterschiedliche Wirtschaftsentwicklung sind nicht nur ein regionales Phänomen, sondern auch einzelne Branchen in den Regionen wachsen unterschiedlich stark, weiß Ilse Bartenstein aus der Pharmaindustrie. Die befinde sich in einem weltweiten Wettbewerb. Deshalb sei die Lohnsteigerung schwer zu verkraften, gleichzeitig sollen – so der Wunsch der Sozialversicherer – Preise für Medizinprodukte sinken: „Das kann sich nur für eine kurze Zeit ausgehen, indem man die Produktivität steigert.“ Bartenstein sieht wenig Hoffnung auf einen Aufschwung, vor allem da man durch die negative Stimmung die Dimension einer Schockstarre erreicht habe.

„Berichte, dass es Europa so schlecht geht, wie es gerne dargestellt wird, sind stark übertrieben“, schränkt Richard Kühnel aus Sicht der Europäischen Kommission ein, „aber wir haben eine sehr schwere Zeit hinter uns.“ Die Teuerung habe man Dank europäischer Maßnahmen in den Griff bekommen und „mit den Energiepreisen sinkt auch die Inflation, die sich im EU-Durchschnitt wieder den angestrebten zwei Prozent nähert.“ Zudem werde der steigende Konsum die Wirtschaft stärken. „Europa braucht sich vor China nicht zu fürchten. Wir sind gut aufgestellt und auch bei Forschung und Technologie top dabei“, so Kühnel, „Wo es in Europa hakt, ist das Scaling-up, dass aus Klein- und Mittelunternehmen große Player am Markt werden.“

Es stimme, dass die Stimmung schlechter ist als die Lage, ist auch Holger Bonin überzeugt. „Wir werden auf Dauer stärkere Konflikte in der Welthandelsordnung sehen, Lieferketten sind unsicherer geworden und wir haben die strategische Aufgabe, Autonomie herzustellen“, meint der Ökonom. Und: „Wir müssen eine europäische Verteidigung zustande bringen.“ Die helfe zudem, Innovationen voranzutreiben.

Lokale Ressourcen nutzen

Es muss die Frage gestellt werden, was die Regionen leisten müssen und wie ihnen geholfen werden kann, stellt Michal Malacka in den Raum. „Eine aggressive Universitätspolitik sollte die Regionen beeinflussen.“ Er vergleicht die Wirtschaftslage mit der Verteidigungspolitik. Nationalstaaten sollten nicht in allen Bereichen aktiv sein, da sie es nicht können: „Wir sollten uns strategisch und rationell vorwärts bewegen und die Aufgaben so aufteilen, wie es der Reaktionsfähigkeit der einzelnen Länder entspricht.“ Es gelte, vor allem lokale Ressourcen zu nutzen.

Kohäsionspolitik forcieren

Im Gegensatz zu den USA oder China, wo die wirtschaftliche Lage im Hinterland wesentlich trister ist als in den boomenden Zentren, verfolge die EU gezielt eine Kohäsionspolitik, die die harmonische Entwicklung der gesamten Gemeinschaft fördert, um regionale Entwicklungsunterschiede zu verringern. Derzeit wachsen urbane Zentren und Hauptstadtregionen besonders kräftig, worin auch eine gewisse Gefahr lauert. „Rurale Regionen, die nicht zeitgerecht auf den Hightech-Bereich umgesattelt und in Infrastruktur investiert haben, können ins Hintertreffen geraten“, warnt Kühnel. „Jene automatische Aufholtendenz, wie nach der Erweiterung, funktioniert nicht mehr.“

Heute müssen Erfolgsmodelle immer wieder neu gedacht werden, Selbstläufer seien passé, es gehe nicht um die Neuverteilung des europäischen Kuchens, sondern um die globale Aufstellung. Länderübergreifende Regionen und Kooperationen könnten ein Rezept sein, folgert Malacka: „Die Regionen haben gelernt, ohne Grenzen zu arbeiten.“