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Bruckners Sinfonien so, wie er sie im Ohr hatte

Beim Internationalen Brucknerfest Linz werden alle Sinfonien Anton Bruckners in ihrer Ursprungsversion und mit Originalklangorchestern aufgeführt – dieser Zyklus ist das Herzstück des Festivals, das seit 4. September läuft.

Christiane Karg singt Wagners „Wesendonck-Lieder“ im Konzert mit Anima Eterna Brugge.
Christiane Karg singt Wagners „Wesendonck-Lieder“ im Konzert mit Anima Eterna Brugge. Gisela Schenker
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Wie klangen Anton Bruckners Sinfonien zu seinen Lebzeiten? Mit jenen Instrumenten, die damals üblich waren? Und in den ersten Versionen, bevor er sie adaptierte? Auf diese Spurensuche begibt sich aktuell das Internationale Brucknerfest Linz: Denn Herzstück des Festivals, das stets am Geburtstag des Komponisten, dem 4. September, beginnt und heuer anlässlich des 200. Jahrestages auf besondere Art veranstaltet wird, ist ein Sinfonienzyklus. Dieser bringt ausnahmslos alle Sinfonien Bruckners zur Aufführung: die neun nummerierten sowie die „Studiensinfonie“ und die „Annullierte“. Dazu hat man Originalklangorchester eingeladen und sie gebeten, die Ursprungsversion der jeweiligen Sinfonie einzustudieren.

So wird beispielsweise Martin Haselböck mit dem Orchester Wiener Akademie die 2. Sinfonie Anton Bruckners in der Fassung von 1872 spielen. Pablo Heras-Casado wird mit Anima Eterna Brugge die Dritte in der Version von 1873 erklingen lassen und Kent Nagano mit Concerto Köln die Vierte in jener von 1874. Mit dabei sind auch Jordi Savall und Le Concert des Nations, Stefan Gottfried und der Concentus Musicus Wien, Christoph Spering und Das Neue Orchester sowie Jakob Lehmann und Les Siècles. Ádám Fischer wird mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment Anton Bruckners 5. Sinfonie präsentieren, während Marc Minkowski und Les Musiciens du Louvre sich die Sechste und Philippe Herreweghe und das Orchestre des Champs-Élysées sich die Achte vorgenommen haben. Jérémie Rhorer und Le Cercle de l’Harmonie werden die Siebte zum Besten geben.

Jordi Savall lässt die selten aufgeführte „Annullierte“ erklingen.
Jordi Savall lässt die selten aufgeführte „Annullierte“ erklingen. Philippe Matsas

Vonseiten des Internationalen Brucknerfests Linz ist man überzeugt: „Die Klangwelt wird eine andere sein als jene, die wir kennen. Nach diesem Brucknerfest werden wir alle um viele Hörerfahrungen reicher sein.“ Zwar habe man sich heutzutage daran gewöhnt, Bruckners Sinfonien auf modernem Instrumentarium musiziert zu hören, gleichzeitig weiß man, dass der Komponist diese beispielsweise für Streichinstrumente mit weicher klingenden Darmsaiten geschaffen hat. Auch waren die Farbwirkung und die Differenzierbarkeit damals anders. Klar ist, dass Bruckners Musik durch Originalklanginstrumente ein anderer Charakter verliehen werden kann, als man ihn heute kennt – und deshalb will man zurück zu jenem, den Bruckner tatsächlich bei der ersten Arbeit an seinen Sinfonien im Ohr hatte.

Neue Wege der Interpretation

Von einem anderen Klangbild, das zurückverweist auf Bruckners Intentionen, spricht auch Pablo Heras-Casado, der Bruckners 3. Sinfonie in seinem Konzert mit Anima Eterna Brugge dirigieren wird, im Interview: Gerade bei Bruckners Dritter eröffne das Spielen mit Originalklanginstrumenten „einen anderen Weg der Interpretation, den ich sehr bereichernd finde“. Diese Instrumente „sind einfach nicht für eine Klanggewalt gemacht, wie man sie Bruckner heutzutage oft zuschreibt“. Durch diese Art der Interpretation sei „lang nicht so viel Schwere drinnen, wie manche vermuten würden“. Er sei sich sicher, dass mit der für das Brucknerfest gewählten Version und der Ausführung durch Anima Eterna Brugge „mehr Durchhörbarkeit“ erreicht werde. Auch Philippe Herreweghe nennt sich von dem Projekt besonders fasziniert, denn „die historischen Instrumente tragen zu einem natürlichen klanglichen Gleichgewicht zwischen den Instrumentengruppen bei“. Herreweghe spricht in einem Interview davon, dass beispielsweise die Melancholie in den langsamen Sätzen der von ihm geleiteten Achten Bruckners stärker herauszuhören sei.

Marc Minkowski dirigiert Bruckners Sechste.
Marc Minkowski dirigiert Bruckners Sechste. David Ignaszewski

Vonseiten des Brucknerfests Linz hofft man auf großes Interesse daran, wie diese Werke zur Zeit von Bruckner geklungen haben – und dass die Menschen gleich zu vielen Konzerten dieser Reihe kommen, denn: „Wir wollen hier wirklich ein umfassendes Hörerlebnis ermöglichen, wie es noch nicht da war.“

Bereichernde Kontraparts

Kombiniert werden die Bruckner-Sinfonien mit Stücken anderer Komponisten, die dramaturgisch und/oder musikalisch mit diesen verknüpft werden können. So wird beispielsweise Bruckners Dritte mit der „Faust-Ouvertüre“ von Richard Wagner und dessen „Wesendonck-Liedern“ an einem Abend zur Aufführung gebracht, weil Wagner und Bruckner einander sehr schätzten und Bruckner dem von ihm verehrten Wagner die 3. Sinfonie widmete. Und es wird Wolfgang Amadé Mozarts Requiem Bruckners Fünfter gegenübergestellt, wenn Ádám Fischer mit The Orchestra of the Age of Enlightenment kommt, weil Bruckner dieses zitiert. 

Johannes Brahms’ Sinfonie Nr. 1 kombiniert man mit Bruckners Erster in der „Linzer Fassung“, wenn Christoph Spering das Neue Orchester leitet, weil es sich eben bei beiden um sehr frühe Werke handelt. Genauso trifft dies auf Ludwig van Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 und Felix Mendelssohn Bartholdys „Streichersinfonie“ zu, die Stefan Gottfried und der Concentus Musicus Wien mit Bruckners „Studiensinfonie“ kombinieren werden. Durch all diese Gegenüberstellungen wollen die Dirigenten sowie die Orchestermusikerinnen und -musiker einen neuen Blick auf Bruckner ermöglichen.

Ádám Fischer präsentiert Bruckners Fünfte gemeinsam mit Mozarts Requiem, aus dem Bruckner in seiner Sinfonie mehrmals zitiert.
Ádám Fischer präsentiert Bruckners Fünfte gemeinsam mit Mozarts Requiem, aus dem Bruckner in seiner Sinfonie mehrmals zitiert. Nikolaj Lund

Moderne Versionen

Eine andere Art des Vergleichs ermöglicht das Internationale Brucknerfest Linz, indem manche Sinfonien Anton Bruckners über den Originalklangzyklus hinaus auch mit modernen Instrumenten und in späteren Versionen aufgeführt werden. So lässt beispielsweise das Bruckner Orchester Linz unter Markus Poschner die Achte hören, während Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker die Erste in der „Wiener Fassung“ spielen werden. Abgesehen von diesem Schwerpunkt auf Sinfonien bringt das Internationale Brucknerfest Linz auch alle drei großen Messen, nämlich in Aufführungen mit dem L’Orfeo Barockorchester unter Michi Gaigg, den Münchner Philharmonikern unter Thomas Hengelbrock und dem Ensemble Vocal et Instrumentale de Lausanne unter Daniel Reuss. Auf dem Programm stehen auch weitere Sakralwerke, darunter das A-cappella-Gesamtwerk mit dem Tenebrae Choir, Liederabende (siehe Kasten), ein Konzert eines Stegreif-Orchesters, das Bruckners Siebte auf seine Art präsentiert, sowie weiteres mehr. 

Originalklangzyklus

  • Di., 10. Sep 2024, 19.30, Philippe Herreweghe & Orchestre des Champs-Élysées: Übersteigern – Bruckners 8. Sinfonie
  • Do., 12. Sep 2024, 19.30, Jordi Savall & Le Concert des Nations: Experimentieren – Bruckners „Annullierte“
  • Sa., 14. Sep 2024, 19.30, Martin Haselböck & Orchester Wiener Akademie: Fortfahren – Bruckners 2. Sinfonie
  • Di., 17. Sep 2024, 19.30, Marc Minkowski & Les Musiciens du Louvre: Entgrenzen – Bruckners 6. Sinfonie
  • Sa., 21. Sep 2024, 19.30, Christoph Spering & Das Neue Orchester: Beginnen – Bruckners 1. Sinfonie
  • Do., 26. Sep 2024, 19.30, Pablo Heras-Casado & Anima Eterna Brugge: Aneignen – Bruckners 3. Sinfonie
  • Sa., 28. Sep 2024, 19.30, Stefan Gottfried & Concentus Musicus Wien: Studieren – Bruckners „Studiensinfonie“
  • Fr., 4. Okt 2024, 19.30, Kent Nagano & Concerto Köln: Verklären – Bruckners 4. Sinfonie
  • So., 6. Okt 2024, 18.00, Jérémie Rhorer & Le Cercle de l’Harmonie: Befreien – Bruckners 7. Sinfonie
  • Di., 8. Okt 2024, 19.30, Ádám Fischer & The Orchestra of the Age of Enlightenment: Anbeten – Bruckners 5. Sinfonie
  • Do., 10. Okt 2024, 19.30, Jakob Lehmann & Les Siècles: Vergöttern – Bruckners 9. Sinfonie

Bruckner als Schöpfer von Kammermusik und Lied

Anton Bruckner als Sinfoniker ist Konzertbegeisterten selbstverständlich ein Begriff. Dass der Komponist drei große Messen und zahlreiche weitere Sakralwerke geschaffen hat, wissen außerdem viele. Doch dass er darüber hinaus Schöpfer von Kammermusik und Lied war, ist weniger Menschen bekannt. Was Wunder, sind es doch jeweils nur wenige Werke, die Bruckner in diesen Genres kreiert hat. Nichtsdestotrotz möchte man diese beim Internationalen Brucknerfest Linz beleuchten: Einerseits wird Brucker als Komponist von Liedern vorgestellt, wenn bei der Klassischen Klangwolke solche Kleinode von Bariton Thomas Hampson gesungen werden. Auch das Debüt der Sopranistin Julia Lezhneva bringt Einblicke in das, was Bruckner im Genre Lied geschrieben hat. Andererseits möchte das Internationale Brucknerfest Linz den Kammermusik-Kreateur Anton Bruckner vorstellen, den es eigentlich genau genommen nur in jener Zeit gab, als er beim Linzer Kapellmeister Otto Kitzler studierte. Beim Konzert des Quatuor Danel sind Sechs Scherzi für Streichquartett, Thema mit Variationen Es-Dur für Streichquartett, das Streichquartett in c-Moll und das Rondo c-Moll für Streichquartett auf dem Programm. Kombiniert werden diese Werke mit Cyrill Hynais’ Streichquartett in E-Dur. Hynais war Schüler Anton Bruckners und später sein enger Mitarbeiter. Als „Lieblingsschüler“ Anton Bruckners wird andererseits Hans Rott bezeichnet, der Orgel bei diesem studierte. Er schuf, bevor er sehr früh verstarb, eine einzige Sinfonie. Diese wird vom Bruckner Orchester Linz während des Brucknerfests präsentiert – und soll verstehen lassen, warum Bruckner Rott als „genialen Musiker“ und „meinen besten Schüler“ bezeichnete. So wird bei einem Festival, das auf Sinfonien und auf Sakralwerke Schwerpunkte legt, in weiteren Konzerten auch eine andere Seite des Jubilars Bruckner gezeigt.