Ein Nobelpreisträger und seine Liebe zur Musik: Sie stehen diesmal im Zentrum der Reihe „Musikverein Perspektiven“. Niemand Geringerer als Quantenphysiker Anton Zeilinger konnte für die Gestaltung der Programmreihe gewonnen werden. Wie schon in den Vorjahren, als man Filmemacher Michael Haneke, Maler Georg Baselitz und Architekt Peter Zumthor zu Gast hatte, geht es in den „Musikverein Perspektiven“ darum, eine Koryphäe eines anderen Fachgebiets als leidenschaftlichen Musikmenschen vorzustellen sowie aus dessen Ausführungen Erkenntnisse zu gewinnen. „Der Charme ist natürlich, jemanden, den man aus einem anderen Kontext kennt, im Zusammenhang mit und durch seine Sicht auf Musik zu erleben und dadurch auch neue Blickwinkel auf die gespielten Kompositionen zu entdecken“, sagt Intendant Stephan Pauly. Wenn Zeilinger, der häufig Gast im Musikverein ist, über Kompositionen spreche, merke man sofort den leidenschaftlichen Musikliebhaber heraus. Und auch Anton Zeilinger selbst beschreibt im Gespräch: „Ich bin von klein auf an Musik gewöhnt, habe Geige gelernt und Musik immer als wichtigen Teil meines Daseins betrachtet. Sie ist für mich unverzichtbar und lebenswichtig.“
Zwei Disziplinen vereinen
Nun hat Anton Zeilinger nicht nur gemeinsam mit dem Musikverein Werke programmiert, die seinen musikalischen Interessen entsprechen und die für ihn schon lang wichtig waren, sondern er wird auch seine individuelle Wahrnehmung der Musik mit dem Publikum teilen sowie mit Gästen aus verschiedenen Disziplinen reden.
Beispielsweise lädt der Nobelpreisträger Pianist András Schiff ein, um mit ihm über strukturelle und mathematische Zusammenhänge von Kompositionen wie dem „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach zu sprechen – und so zwei Disziplinen auf dem Podium zu vereinen. „Wir wollen gemeinsam hinterfragen, wie sich die ursprünglich mathematische Überlegung dieses Werks auf den musikalischen Ausdruck auswirkt – und welche Verbindung es zwischen mathematischen Vorgaben und der Emotion gibt“, beschreibt Zeilinger.
Unbeschreiblich: hörbar
An einem weiteren Abend wird er mit Dirigent Martin Haselböck über die Natur und deren Umsetzung in der Musik sprechen sowie sich unter anderem mit Joseph Haydns „Schöpfung“ auseinandersetzen. Zum besseren Verständnis zum Thema Komplexität soll außerdem ein Konzert beitragen, bei dem Mozarts „Requiem“ in Auszügen aufgeführt wird. „Wir beschäftigen uns in diesem auch mit Audioexperimenten“, so Zeilinger. Nämlich dann, wenn Zeilinger Bernhard Jakoby einlädt, der Professor für Mikroelektronik an der Johannes Kepler Universität in Linz ist. „Wir wollen zeigen, dass wir als Menschen dank unseres Gehirns grundsätzlich dazu in der Lage sind, mehr zu hören, als wir eigentlich hören.“
Mit Regisseurin Andrea Breth und Schriftsteller Christoph Ransmayr spricht er an einem weiteren Termin über Kreativität und darüber, woher das Neue kommt. Im Anschluss kann das Publikum gemeinsam in die Wiener Staatsoper weitergehen, wo man „Palestrina“ sieht. „Für mich war in diesem Werk immer faszinierend, wie sich schöpferische Ideen gegen fremde und eigene Erwartungen durchsetzen“, sagt der Quantenphysiker und Opernliebhaber.
Um Assoziationen zwischen quantenphysikalischer Erkenntnis und dem musikalischen Erleben geht es Zeilinger auch an einem Abend, an dem Werke von Mikis Theodorakis, Johann Sebastian Bach, Anton Bruckner, Olivier Messiaen und Franz Schubert zu hören sein werden. Hier hat man Stücke ausgesucht, von denen Anton Zeilinger findet, dass sie zeigen, wie Musik es möglich macht, eigentlich Unbeschreibbares doch darzustellen.
Zeilinger wird außerdem über quantenphysikalische Erkenntnisse am Rande des Erkennens sprechen und man wird Musik von großer, ergreifender Kraft hören.
Fundamentale Fragen
In allen fünf Abenden der „Musikverein Perspektiven“ soll es darum gehen, dass „die Leute etwas für sich selbst mitnehmen und sehen, dass es noch viele fundamentale Fragen gibt“, sagt Zeilinger. „Auch ich möchte, wie die Zuschauer, mit nach Hause nehmen, dass es noch viele Zugänge gibt, von denen ich etwas lernen kann.“ Und Pauly wünscht sich, „dass man durch Professor Zeilingers Ausführungen eine neue Perspektive auf die Stücke gewinnen und sich von seinen Ideen tragen lassen kann“.