Österreich verfügt über hervorragende Voraussetzungen für medizinische Spitzenforschung: international anerkannte Universitätskliniken mit hoher Expertise, starke, internationale Forschungsnetzwerke, Förderprogramme und eine enge Verzahnung von Wissenschaft und klinischer Praxis. Dennoch gerät der Standort zunehmend unter Druck.
Denn im globalen Wettbewerb um klinische Studien, Investitionen und Talente reicht wissenschaftliche Exzellenz allein nicht aus. Entscheidend ist, ob Forschungsergebnisse auch zu marktfähigen Produkten und letztlich zu wirtschaftlichen Effekten führen. Genau hier besteht Handlungsbedarf.
Wie stark der Druck ist, wurde bei einer Veranstaltung im Wiener Josephinum deutlich. Das Gesundheitsunternehmen Roche Austria und die Medizinische Universität Wien (Meduni Wien) luden Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Industrie und Gesundheitspolitik, um über die Zukunft des Forschungsstandorts Österreich zu diskutieren. Alexander Mülhaupt, General Manager Roche Austria, eröffnete die hochkarätige Diskussionsrunde und stimmte auf die Dringlichkeit des Themas ein.
Für Andrea Maier, Medical Director von Roche Austria, ist klar: „Wer im internationalen Wettbewerb bestehen will, muss wissenschaftliche Exzellenz auch in medizinische Anwendung und wirtschaftliche Wertschöpfung übersetzen.“ Alexander Mülhaupt fügt ergänzend hinzu: „Gesundheitsdaten und klinische Forschung sind keine reinen Verwaltungsfragen. Sie sind die strategische Infrastruktur für die technologische Souveränität, medizinische Qualität und wirtschaftliche Resilienz Österreichs.“
Labor & Anwendung
„Wir brauchen eine Life-Science-Strategie, die sicherstellt, dass Innovationen bei Patientinnen und Patienten ankommen“, betonte Michaela Fritz, Vizerektorin für Forschung und Innovation an der Meduni Wien. Gerade zwischen wissenschaftlicher Entdeckung und medizinischer Anwendung verliert Österreich an Tempo, Dynamik und damit auch an Wettbewerbsfähigkeit. Darüber hinaus passieren Skalierung, Kommerzialisierung und wirtschaftliche Wertschöpfung oft in anderen Ländern, monierte Keynotespeaker Stefan Sacu, Leiter der Augenklinik der Meduni Wien.
Die Gründe dafür: komplexe regulatorische Verfahren, langwierige Genehmigungsprozesse, aufwendige Vertragsverhandlungen und administrative Hürden. Meinhard Lukas, Geschäftsführer des Kepler Universitätsklinikums in Linz, führte auch den steigenden Kostendruck durch Präzisionsmedizin ins Treffen: Die Herausforderung bestehe darin, den Zugang zu innovativen Medikamenten und gleichzeitig die Finanzierbarkeit des solidarischen Gesundheitssystems sicherzustellen.
Studien & Forschung
Wie attraktiv ein Forschungsstandort ist, zeigt sich besonders bei klinischen Studien. Hier punkten Standorte mit effizienten Genehmigungsverfahren, einer leistungsfähigen Forschungsinfrastruktur, attraktiven Finanzierungsmöglichkeiten und der Fähigkeit, ausreichend Studienteilnehmende zu rekrutieren.
Österreich hat bei diesen Faktoren gegenüber den USA und China, aber auch gegenüber europäischen Ländern wie Spanien, den Niederlanden und Frankreich an Boden verloren. Diese führenden europäischen Länder zeigen, wie man durch den schnellen Abbau bürokratischer Hürden, optimierte Datenregister für die Studienteilnehmer-Rekrutierung und starke öffentlich-private Partnerschaften Spitzenmedizin ins Land holt – ein klares Signal für Österreich, jetzt mutig zu investieren.
Zwischen 2021 und 2024 ist die Zahl der klinischen Studien hierzulande um rund 30 Prozent zurückgegangen. Ein Alarmsignal: Immerhin eröffnen klinische Studien Patientinnen und Patienten einen früheren Zugang zu innovativen Therapien. Roche Austria Medical Director Andrea Maier sieht für den Rückgang mehrere Gründe: Hohe Kosten, ein vergleichsweise kleiner Patientenpool, lange Start-up-Zeiten, langwierige Vertragsverhandlungen und regulatorische Hürden beeinträchtigten die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Verbesserungspotenzial ortet sie vor allem in einer effizienteren Gestaltung von Prozessen und Abläufen.
Ein wichtiges Projekt zur Stärkung des Forschungsstandorts Österreich ist das neue Center for Translational Medicine der Meduni Wien, das im Herbst 2026 eröffnet wird. Dieses in Europa derzeit – einzigartige State-of-the-Art-Forschungsgebäude soll die Grundlagenwissenschaft mit der Klinik verbinden und Innovationen aus dem Labor schneller an das Krankenbett bringen.
Life-Science-Strategie
Gleichzeitig braucht es auch passende politische Rahmenbedingungen. Entsprechend steigt der Druck, die im Regierungsprogramm angekündigte neue Life-Science-Strategie rasch auf den Weg zu bringen. Für die Branche sind dabei insbesondere Planbarkeit und langfristige Verlässlichkeit entscheidende Erfolgsfaktoren. Sie erwartet ein klares Bekenntnis zum Forschungsstandort sowie ein deutliches Signal, dass klinische Forschung und pharmazeutische Innovation als strategische Zukunftsfelder gesehen werden. Denn am Ende des Tages ist das Ziel der Innovation nur dann erreicht, wenn die Patientinnen und Patienten auch schnellen und nachhaltigen Zugang zu diesen neuen Therapien und Entwicklungen erhalten. Barbara Weitgruber, Leiterin der Sektion „Wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten“ im Wissenschaftsministerium, rechnet mit einer schnellen Umsetzung des politischen Kick-offs bis Ende 2026. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.
Life Sciences Österreich
Der Life-Sciences-Sektor (Biotech, Pharma, Medizintechnik) ist ein bedeutender und wachsender Wirtschaftsfaktor für Österreich. Aktuell sind 1.174 Unternehmen mit rund 73.400 Mitarbeitenden in diesem Bereich tätig. Gemeinsam erwirtschaften sie jährlich rund 40 Milliarden Euro Umsatz. Damit leisten Life Sciences mit 8,3 Prozent einen wesentlichen Beitrag zur nationalen Bruttowertschöpfung. Die Bedeutung des Bereichs reicht jedoch weit über wirtschaftliche Kennzahlen hinaus. Forschung und Innovation in Life Sciences haben die medizinische Versorgung in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verbessert. So liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Brustkrebs heute bei rund 90 Prozent. Bei Diabetes können moderne Therapien die Zahl der Todesfälle infolge von Herz-Kreislauf-Komplikationen um fast zwei Fünftel senken. Die HPV-Impfung wiederum reduziert das Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, auf nahezu null.