Für herausragende Interpretationen der Klassik durch die besten Künstlerinnen und Künstler der Welt stehen, sich aber zugleich weit für innovative Impulse und gesellschaftliche Perspektiven zu öffnen“ – das ist laut Intendant Stephan Pauly die Intention des Musikvereins. Als drei Leitsterne der aktuellen Saison nennt er, „kreative Programme anzubieten und Entdeckungen abseits des Mainstreams zu ermöglichen“, „immer wieder ein neues Publikum zu gewinnen“ und die Tradition des Hauses „lebendig zu halten und stets aufs Neue zu befeuern“. Im Zentrum stehen dabei die besten Orchester der Welt, die herausragendsten Dirigent:innen sowie Solist:innen, die man jede Saison das Vergnügen hat, ans Haus holen zu können. „Das ist es, was uns im Kern ausmacht.“
Unter den zahlreichen großen Namen sind beispielsweise das New York Philharmonic mit Gustavo Dudamel, das Chicago Symphony Orchestra unter Klaus Mäkelä, die Wiener Philharmoniker, das Royal Concertgebouw Orchestra und viele mehr. Zusätzlich gibt es jede Saison Fokus-Künstler:innen, denen eigene Abonnementzyklen gewidmet werden. 2026/27 sind das Anne-Sophie Mutter, Franz Welser-Möst, Yuja Wang und Maxime Pascal.
Anne-Sophie Mutter steht seit 50 Jahren auf der Bühne. Sie wird sich im Musikverein mit Programmen präsentieren, die für sie besonders bezeichnend sind, ist sie doch einigen Komponisten eng verbunden. So war beispielsweise einer der Ersten, die für sie komponierten, Krzysztof Penderecki. Mit den Wiener Philharmonikern und Lorenzo Viotti am Pult führt sie das für sie geschaffene Zweite Violinkonzert des Polen auf. „Dieses Werk hat für mich autobiografisch eine besondere Bedeutung“, sagt Mutter im Interview und verweist darauf, dass es ihr in schweren Zeiten half. „Mir war es wichtig, Krzysztof Penderecki in dieser Rückschau im Musikverein zu ehren.“
Als weitere wichtige Komponisten ihrer Karriere sind Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy und André Previn Teil des Programmschwerpunkts. Ein „Herzensprojekt“ nennt die Violinsolistin darüber hinaus die Aufführung von Aftab Darvishis „Likoo“. Dieses Werk entstand, als sich Mutter für Frauen im Iran engagieren wollte. Sie traf auf die Komponistin Darvishi, die gerne Klänge aus ihrer Heimat mit jazzigen Elementen verbindet, und gab bei ihr einen Klagegesang für Violine solo in Auftrag. Diesen wird Mutter im Mai im Musikverein mit dem Kammerorchester Wien-Berlin aufführen. „Mir ist es wichtig, hier ein Zeichen zu setzen“, sagt die Violinistin. Sie sei fest davon überzeugt, „dass Musik auch humanistisch etwas bewirkt“. Zudem habe das Werk sie „viel gelehrt“.
Bei einem Zyklus zu Anne-Sophie Mutter darf natürlich auch ein Bezug zu „Mutter’s Virtuosi“ nicht fehlen, jungen Musiker:innen, die sie für Tourneen auswählt und fördert. Zwei davon, der Cellist Kian Soltani und der Kontrabassist Roman Patkoló, sind nun ihre Partner bei einem Konzert ihres Schwerpunkts im Musikverein. Den Goldenen Saal nennt sie im Interview übrigens einen, den sie besonders schätzt, weil er „einen runden, atmenden Klang erzeugt – wie, wenn eine strahlende Kuppel über die Musik gelegt würde. Ich spiele also mit meiner Stradivari in einer Stradivari.“
Abschied aus Cleveland
Einen eigenen Abonnementzyklus widmet der Musikverein in dieser Saison auch seinem Ehrenmitglied Franz Welser-Möst. Der Dirigent wird im Zuge dessen ein letztes Mal als Chefdirigent mit dem Cleveland Orchestra im Goldenen Saal auftreten, 2027 nimmt er von dieser Position nach einem Vierteljahrhundert Abschied. Mit auf dem Programm ist eine Symphonie von Bohuslav Martinů, die einst von tschechischen Auswanderern in Cleveland in Auftrag gegeben wurde. Für ein zweites Konzert hat Welser-Möst selbst eine Suite aus Richard Strauss’ Alterswerk „Daphne“ zusammengestellt, die er gemeinsam mit Dmitrij Schostakowitschs Achter Symphonie zur Aufführung bringt. Am 200. Todestag Ludwig van Beethovens spielt der Dirigent außerdem mit den Wiener Philharmonikern dessen „Missa solemnis“. Er, der im Musikverein als Beethoven-Interpret oft Spuren hinterlassen hat, möchte dabei, wie er sagt, „dem Geist Beethovens möglichst nahe kommen“. Und so, wie Welser-Möst Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde ist, ist er es auch im Singverein derselben. Seine Verbundenheit wird er in einem Konzert mit Franz Schuberts „Deutscher Messe“ zeigen. „Man sollte dieses Werk so hören, wie Schubert es geschrieben hat, ohne Verschleppungen, wie sie sich in der Kirche öfter ergeben“, kündigt Welser-Möst an. „Es wird eine sakrale Feierstunde.“
Eine Pianistin ist weitere Fokus-Künstlerin der Saison: Yuja Wang gibt sechs Konzerte, darunter ein Recital, einen Auftritt mit den Wiener Philharmonikern unter Yannick Nézet-Séguin, bei dem sie Prokofjews Drittes Klavierkonzert spielt, einen mit den Wiener Symphonikern (Barber-Konzert und Bartók-Konzert Nr. 1), sowie einen Abend, an dem sie beide Klavierkonzerte von Johannes Brahms interpretiert. Bei letzterem wird sie als Besonderheit das Mahler Chamber Orchestra vom Klavier aus leiten. „Es ist ein bisschen verrückt, beide Klavierkonzerte an einem Abend zu kombinieren“, sagt Wang. „Für mich sind sie keine eigentlichen Konzerte, sondern eher Symphonien mit Klavier: große Kammermusik, ein Miteinander, bei dem jeder zuhört und antwortet.“ Wenn sie Brahms spiele, gehe es ihr „nicht um äußeren Effekt oder Spektakel, sondern darum, die innere Gefühlswelt des Komponisten zu entdecken und sie durch Klang lebendig werden zu lassen“.
Keine Frage der Epochen
Und auch die Porträtreihe junger Dirigent:innen wird im Musikverein fortgesetzt, diesmal bekommt Maxime Pascal eine große Bühne, der seit 2014 von Salzburg aus, wo er den Young Conductors Award gewann, die Klassik-Welt erobert hat. Vor allem als Interpret von Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart konnte er sich etablieren. Pascal debütiert in seiner Konzertreihe bei den Wiener Symphonikern mit dem Berlioz-Requiem, kehrt zum ORF RSO Wien zurück, kommt mit seinem Ensemble Le Balcon und macht mit Musiker:innen der Wiener Philharmoniker Mahlers „Lied von der Erde“ in Arnold Schönbergs Kammerorchesterfassung. Mit Le Balcon, seinem Kollektiv aus Musik- und Musiktheaterschaffenden, das oft Projekte im Zusammenspiel mit Soundsystem und elektronischer Musik macht, bringt er eine Aufführung von „Bhakti“ von Jonathan Harvey für Kammerensemble und quadrophones Tonband. Pascal möchte sich in seinem Tun nicht beschränken, sei doch für ihn gute Musik, wie er sagt, „keine Frage der Epoche. Es gibt in jeder Zeit gute Musik, man findet Faszination, Inspiration zu allen Zeiten, an allen Orten.“
Passend zu dieser Aussage hat der Musikverein in dieser Saison wieder zwei Komponistinnen im Fokus: Einerseits in Kooperation mit Wien Modern die Gegenwartskünstlerin Francesca Verunelli, die in ihrer Musik gerne wissenschaftliche Erkenntnisse und emotionale Erlebnisse widerspiegelt. Und andererseits Emilie Mayer, die eine Zeitgenossin Richard Wagners war – und eine der Ersten, die den Beruf der Komponistin prägten. Beide mögen stellvertretend für die große Bandbreite stehen, die der Musikverein anbieten möchte.
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Eine Beilage der „Presse“ mit finanzieller Unterstützung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.