Alle neun Symphonien und sämtliche Klaviersonaten: Mit einer umfassenden Betrachtung zweier Schwerpunkte seines Schaffens wird der Komponist Ludwig van Beethoven anlässlich seines 200. Todestages im Musikverein gefeiert. Und dabei sind niemand Geringerer als Pianist Igor Levit einerseits und andererseits die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der musikalischen Leitung von Daniele Gatti die hochkarätigen Ausführenden. Zu den beiden Zyklen kommt ein Konzert am 26. März selbst, an dem Beethoven im Jahr 1827 verstarb: Bei diesem wird Franz Welser-Möst die „Missa Solemnis“ dirigieren, die Wiener Philharmoniker und der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien werden unter seiner Leitung zu erleben sein.
Zeitlose Ausdruckskraft
Einem der bedeutendsten Zyklen der Musikgeschichte widmet sich in aller Ausführlichkeit Igor Levit, wenn er die 32 Klaviersonaten Beethovens zur Aufführung bringt. Seine intensive Beschäftigung und seine sehr persönliche Herangehensweise sollen die Werke als musikalischen Kosmos voller Kontraste, radikaler Ideen und zeitloser Ausdruckskraft erleben lassen. Levit bezeichnet die Klaviersonaten im Interview als „das zentrale Organ meines Musiker-Daseins“. Schon seit vielen Jahren widmet er sich diesen intensiv – und erzählt: „Wenn man sich mit den Beethoven-Klaviersonaten befasst, will man keine einzige missen.“ So entstand erstmals vor zwölf Jahren der Wunsch, die Sonaten zyklisch aufzuführen.
In der Zusammensicht erkenne man besonders gut, wie Beethoven „nicht eine große Veränderung, sondern eine ganze Reihe solcher produziert hat“. Schon in frühen Sonaten merke man „den großen Schritt nach vorne“ im Vergleich zu allem, was es vorher auf diesem Gebiet gegeben hatte, so Levit. Und er bringt Beispiele: „Die ,Pathétique‘ ist wie eine Minioper am Klavier, so radikal, so opernhaft verrückt, so emotional mitnehmend. Das ist für mich mehr als Klaviermusik.“ Die „Waldsteinsonate“ ihrerseits mache „das Klavier zum Orchester. Alles wird so plastisch und körperlich, und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es eine Klaviermusikwelt vor und nach der ,Waldsteinsonate‘ gibt. Ich sehe sie als Quantensprung und sie ist wahrscheinlich meine liebste unter allen Klaviersonaten.“
Auch die „Hammerklaviersonate“ sei für ihn ein wichtiges Werk, er bezeichnet sie als „Gewaltakt für jeden: Für den, der sie spielt, und für den, der sie hört. Dabei bleibt nichts, wo es war. Sie ist ein Kampf zwischen purer Hysterie und Zerstörungswut und ein Ausbruch im letzten Satz, in dem alles niedergemäht wird. Eigentlich ist sie eine Zumutung, aber eine, ohne die ich nicht leben kann“, so Levit. Er habe sie schon häufig gespielt – „und jedes Mal ist sie ein Ritt auf der Rasierklinge. Ich kenne kein Klavierstück, das so radikal ist. Sie bringt mich jedes Mal an den Rand des mentalen und physischen Zusammenbruchs.“
Sich nun sämtlichen 32 Klaviersonaten Beethovens auf kompakte Art und Weise im Zuge eines Zyklus zu widmen, habe einen großen Reiz, den er auch für das Publikum sieht, so Levit: „Allein schon deshalb, weil es kaum einen aufregenderen und radikaleren Klavierzyklus gibt als diesen. Wer nach den Konzerten hinausgeht, denkt sich sicher: ,Ich habe da etwas erlebt und gehört, das bleibt.‘“ Für Levit selbst entstehe selbst nach Jahren der intensiven Beschäftigung mit den Beethoven-Klaviersonaten immer noch ein klares Gefühl: „Hier hineinzutauchen macht mich einfach unglaublich glücklich.“
Uraufführungen
Einen weiteren umfassenden Beethoven-Zyklus wird in der nächsten Saison die Sächsische Staatskapelle Dresden bringen. Diese wird die Interpretationen von Beethovens neun Symphonien mit Uraufführungen und zeitgenössischen Kompositionen gegenüberstellen, die sich auf die Symphonien beziehen. Im Rahmen des Konzerts beispielsweise, das die Erste, Vierte und Fünfte Symphonie des großen Titanen der Musikgeschichte präsentiert, kommt es auch zu einer Österreichischen Erstaufführung eines neuen Werks der Komponistin Clara Iannotta. Und die „Sinfonia pastorale“, die Sechste Symphonie, sowie die Siebte stellt Dirigent Daniele Gatti Riccardo Panfilis neuem Werk gegenüber, auch letzteres ist erstmals in Österreich zu hören.
So widmet die Gesellschaft der Musikfreunde, welche Werke Beethovens bereits seit 1815 regelmäßig in ihren Konzerten aufführt, in dem Jahr, in dem sich der Todestag des Komponisten zum 200. Mal jährt, mehrere besondere Zugänge zu seinem Oeuvre.