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Vom Teilchenbeschleuniger in die Wirtschaft

Beim FFG Forum 2026 stand der Weg von der Forschung zur Anwendung im Mittelpunkt. Im FFG Talk erläuterte CERN-Generaldirektor Mark Thomson, wie Grundlagenforschung neue Technologien hervorbringt.

CERN-Generaldirektor Mark Thomson gab „Presse“-Journalistin Anna Wallner und dem Publikum interessante Einblicke in das weltweit größte Forschungszentrum für Teilchenphysik.
CERN-Generaldirektor Mark Thomson gab „Presse“-Journalistin Anna Wallner und dem Publikum interessante Einblicke in das weltweit größte Forschungszentrum für Teilchenphysik. © FFG/Stambera
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Wie wird aus Forschung wirtschaftliche Wertschöpfung? Beim FFG Forum 2026 am 9. September im Wiener MuseumsQuartier diskutierten mehr als 1000 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Forschung darüber, wie Österreich neue Technologien schneller in die Anwendung bringen kann. Mit der Industriestrategie hat die Bundesregierung erstmals neun Schlüsseltechnologien für Österreich definiert. Die FFG richtet ihre Initiativen gezielt darauf aus. Beim Forum standen unter anderem künstliche Intelligenz, Quanten- und Weltraumtechnologien im Mittelpunkt.

Entscheidend für die Umsetzung ist die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Unternehmen. Die FFG unterstützt deshalb den Aufbau von Innovationsökosystemen und Netzwerken, in denen Partner Wissen austauschen und gemeinsam Technologien entwickeln. Diese Kooperationen sollen dazu beitragen, aus Forschungsergebnissen konkrete Produkte und Dienstleistungen zu machen.

Wie solche Partnerschaften funktionieren und welchen langen Vorlauf manche Entwicklungen brauchen, erläuterte CERN-Generaldirektor Mark Thomson beim FFG Talk. Am CERN entstehen Technologien für wissenschaftliche Vorhaben, die Jahrzehnte beanspruchen. Ihr späterer wirtschaftlicher Nutzen lässt sich zu Beginn oft noch nicht absehen.

Forschung als Basis

„Wir wollen das Universum auf seiner grundlegendsten Ebene verstehen“, beschrieb Thomson den ­Auftrag des CERN. Mit den Beschleunigern des Labors an der französisch-schweizerischen Grenze würden Bedingungen nachgestellt, wie sie einen winzigen Sekundenbruchteil nach dem Urknall geherrscht hätten. Thomson beschrieb den Large Hadron Collider (LHC), einen 27 Kilometer langen Beschleunigerring mit supraleitenden Magneten, und die technischen Anforderungen von 40 Millionen Teilchenkollisionen pro Sekunde. Die Detektoren verglich er mit riesigen dreidimensionalen Kameras. Ihr Betrieb erfordere unter anderem Siliziumtechnologie, schnelle Mikroelektronik und Verfahren zur Verarbeitung enormer Datenmengen. „Unsere technologische Entwicklung wird nicht von der Entwicklung der Technologie um der Technologie willen angetrieben. Sie dient der Wissenschaft.“ Als Beispiel für eine Entwicklung mit Wirkung über die Forschung hinaus nannte Thomson das am CERN entstandene World Wide Web. Zum Abschluss seines Impulsvortrags stellte Thomson den geplanten Future Circular Collider (FCC) vor: ein Beschleunigerring mit 91 Kilometern Umfang, dessen Trasse teilweise unter dem Genfer See verlaufen soll. Das Vorhaben werde wiederum neue Technologien erfordern.

Nach seinem Impulsvortrag sprach Thomson mit Anna Wallner, Head of New Media bei der „Presse“, über wirtschaftlichen Nutzen und Forschungsfinanzierung. Wallner fragte zunächst, was der Weg vom wissenschaftlichen Durchbruch zum globalen Markt für das CERN konkret bedeute. Thomson verwies auf den Zeithorizont der Projekte: Planung und Bau beanspruchten in der Regel 20 Jahre, der Betrieb weitere 20 Jahre. „Wir treiben also Innovationen für ein wissenschaftliches Ziel voran, nicht für kurzfristigen Gewinn oder eine kurzfristige Vermarktung.“ Dabei entstünden Technologien, die zuvor nicht verfügbar gewesen seien. Bis diese in der Gesellschaft Anwendung fänden, könnten allerdings zehn, zwanzig oder mehr Jahre vergehen.

Welche der gegenwärtigen Entwicklungen das Leben im Jahr 2040 verändern könnten, beantwortete Thomson zurückhaltend: „Das ist wirklich eine schwierige Frage, denn eigentlich wissen wir es nicht.“ Ein Beispiel sei künstliche Intelligenz direkt in der Elektronik: Weil sich die Daten der Detektoren nicht vollständig speichern ließen, müsse innerhalb etwa einer Mikrosekunde ein Großteil verworfen werden. KI solle bei dieser Auswahl helfen. Ein zweites Beispiel seien supraleitende Magnete, die bei höheren Temperaturen betrieben werden könnten und damit zur Nachhaltigkeit der Anlagen beitragen sollten. „Minus 250 Grad Celsius sind für uns bereits hohe Temperaturen“, sagte Thomson. Sollte sich diese Technologie beherrschen lassen, sehe er mögliche Anwendungen etwa in der Stromverteilung und bei kostengünstigeren Magneten.

Nutzen messen

Wallner hielt dieser Offenheit die Anforderungen von Finanzierungsentscheidungen entgegen. Welche Zahl lege Thomson einem Finanzminister vor? „Ich glaube nicht, dass die uns zur Verfügung stehenden Wirtschaftsmodelle ein wirklich verlässliches Gesamtbild des tatsächlichen wirtschaftlichen Werts liefern können“, antwortete er. Einzelne Effekte seien erfassbar. Schwieriger werde es bei Wirkungen, die erst nach 20 oder 30 Jahren sichtbar würden, oder bei der Frage, was ohne ein wissenschaftliches Großprojekt geschehen wäre.

Auch die Ausbildung von Fachkräften und das Interesse junger Menschen an wissenschaftlichen Berufen zählte Thomson zum Nutzen des CERN. Dort erworbene Kenntnisse gelangten in andere Bereiche der europäischen Wirtschaft. Ihr Wert lasse sich schwer beziffern. Eine konkrete Renditezahl nannte er nicht.

Wallner verwies auf eine CERN-Umfrage: 47 Prozent der Industriepartner hätten ein neues Produkt entwickelt. Thomson bezeichnete das als „ein ziemlich beeindruckendes Ergebnis“. Die Unternehmen lieferten häufig spezialisierte Komponenten für Beschleuniger oder Detektoren. Dabei verlange das CERN Leistungen, die über vorhandene Produkte hinausgingen. „Diese Präzision reicht nicht aus“, fasste er eine typische Anforderung zusammen. So könnten insbesondere kleine und mittlere Unternehmen Kenntnisse für die Entwicklung anderer Produkte und einen technischen Vorsprung erwerben. Ein weiteres Beispiel betraf den beim FCC-Tunnelbau erwarteten Gesteinsaushub. Wallner sprach die Idee an, daraus Material für Begrünung zu gewinnen. Thomson erläuterte, das CERN untersuche, wie sich das Gestein aufbereiten und in ein für die Landwirtschaft potenziell nutzbares Material verwandeln lasse. Er betonte mehrfach, dass es sich noch um Forschung und Entwicklung handle. „Ich möchte im Moment keine übertriebenen Versprechungen machen.“ Das Projekt solle einen nachhaltigen Umgang mit dem Aushub ermöglichen.

Das FFG Forum 2026 rückte die Verwertung zentraler Schlüsseltechnologien und deren Ökosysteme in den Mittelpunkt.
Das FFG Forum 2026 rückte die Verwertung zentraler Schlüsseltechnologien und deren Ökosysteme in den Mittelpunkt. © FFG/Schauer

Europäische Finanzierung

Auf die Frage nach dem Zusammenspiel des nächsten EU-Forschungsprogramms mit dem Europäischen Wettbewerbsfonds erläuterte Thomson die Finanzierungsperspektive des CERN: Für den FCC strebe die Organisation neben Beiträgen ihrer Mitgliedstaaten auch direkte Unterstützung durch die Europäische Union an. Gegenüber der Kommission werbe sie dafür, mit dem Projekt Europas wissenschaftliche und technologische Führungsposition langfristig zu sichern. Wie die beiden Förderinstrumente konkret ineinandergreifen sollen, blieb im Gespräch offen.

Dass Verteidigung und Wettbewerbsfähigkeit das CERN politisch verdrängen könnten, zählte Thomson nicht zu seinen größten Sorgen. Die finanziellen Anforderungen verteilten sich über einen langen Zeitraum. Er halte es für wichtig, die wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten zu erhalten, die auch spätere wirtschaftspolitische Ziele ermöglichten. Ob dieses Argument in der Finanzierung durchdringe, sei noch nicht entschieden: „Das wird sich natürlich noch zeigen.“ Zugleich bestand er darauf, die Begründung für das CERN bei der Forschung beginnen zu lassen. „Die Stärke unserer Arbeit liegt meiner Meinung nach darin, dass wir die schwierigsten wissenschaftlichen Fragen stellen.“

Am World Wide Web erläuterte Thomson, dass für die gesellschaftliche Wirkung auch der Umgang mit einer Technologie entscheidend sei. Er erinnerte sich an die frühen Anwendungen am CERN, deren spätere Bedeutung damals nicht absehbar gewesen sei. Die offene Verfügbarkeit stellte er besonders heraus: „Sie war für die ganze Welt bestimmt, und genau das war eines unserer Ziele.“ Bei KI beschäftigten ihn neben dem wissenschaftlichen Nutzen mögliche wirtschaftliche Abhängigkeiten. Maschinelles Lernen werde am CERN schon seit den frühen 1990er-Jahren eingesetzt und spiele heute eine wichtige Rolle in der Datenanalyse. Nun prüfe die Organisation weitere moderne Verfahren. Zugleich fragte Thomson: „Wie vermeidet man es, sich zu sehr auf einige dieser Werkzeuge zu verlassen, die in zwei Jahren vielleicht sehr teuer werden könnten?“

»Österreich ist bereits sehr stark in die Leitung des FCC-Projekts eingebunden.«

Mark Thomson
CERN-Generaldirektor

Österreich ist am CERN stark vertreten. Thomson verortete Österreichs Beitrag vor allem bei den Menschen und der Beschleunigertechnologie. Ein langjähriges Ausbildungsprogramm habe dazu beigetragen, dass Österreicher Führungspositionen am CERN besetzten; auch der FCC-Projektleiter sei Österreicher. Als Beispiel für die Zusammenarbeit nannte er das Krebstherapie- und Forschungszentrum MedAustron und dessen Zugang zu Beschleunigertechnologie durch die Partnerschaft mit dem CERN. Für weitere Kooperationen überprüfe das CERN seine Strategie für den Wissenstransfer. Thomson selbst bevorzuge den Begriff Wissensaustausch. „Der Schlüssel liegt meiner Meinung nach darin, Technologie in Partnerschaft mit der Industrie zu entwickeln oder zu verbessern.“ Er plädierte für langfristige technische Zusammenarbeit: „Denn wenn man diese gemeinsame Entwicklung nicht betreibt, gibt man nicht das Wissen weiter, sondern nur ein bisschen Technologie.“

Zum Schluss benannte Thomson sein konkretes Ziel für den FCC: „Ich möchte, dass das FCC bis spätestens 2028 oder 2029 genehmigt wird.“ Neben technischem Entwurf und ökologischer Nachhaltigkeit beschäftige das CERN die Finanzierung und die Organisation der Zahlungsströme über einen langen Zeitraum. Einen Beschluss wünsche er sich zu Weihnachten 2028. „Aus technischer und wissenschaftlicher Sicht sind wir meiner Meinung nach bereit, unsere Mitgliedstaaten um eine Entscheidung zu bitten.“