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Gezielt vorsorgen: Prävention mit Strategie

Podiumsdiskussion. Wie gelingt es, von der Reparaturmedizin zu einem präventionsorientierten System zu kommen? Über die Notwendigkeit und die tragenden Säulen einer nationalen Präventionsstrategie.

Experten der Podiumsrunde beim AHF in Gastein: Andreas Huss, Uta-Maria Ohndorf, Athe Grafinger, Christina Dietscher, Christoph Hörhan (AHF-Gründer).
Experten der Podiumsrunde beim AHF in Gastein: Andreas Huss, Uta-Maria Ohndorf, Athe Grafinger, Christina Dietscher, Christoph Hörhan (AHF-Gründer). 
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Vorsorge ist den Menschen wichtig, wird aber zu wenig angeboten. Das ist das Kernergebnis einer Umfrage, die im Vorfeld des Austrian Health Forum in Gastein durchgeführt und im Zuge des Kongresses präsentiert wurde. Welches Gewicht Menschen der Vorbeugung von Krankheit beimessen, zeigte sich bei der Umfrage am Beispiel des Impfthemas. Demnach befürworten 73 Prozent Impfungen, 39 Prozent sogar sehr stark, und nur 22 Prozent lehnen sie ab. Strukturierte Vorsorgeprogramme, Beratungsangebote und Präventionskurse erreichen vergleichsweise deutlich weniger Menschen. Dazu passend: 62 Prozent sehen den Schwerpunkt eher bei der Behandlung akuter Krankheiten, nur 28 Prozent bei Vorbeugung und Gesundheitserhalt. „Die Menschen halten Vorsorge für wichtig, stehen Impfungen mehrheitlich positiv gegenüber und sind bereit, ihre Gesundheitsdaten für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Unzufriedenheit entsteht aber, weil die Gesundheitsversorgung als Reparaturbetrieb gesehen wird und in der Folge die Wartezeiten in manchen Bereichen zu lang sind“, bringt es AHF-Gründer Christoph Hörhan auf den Punkt.

Gemeinsame Vision

Mehr Prävention statt Reparaturmedizin – so sollte laut Experten in Zukunft das Motto im heimischen Gesundheitssystem lauten. Aus gutem Grund: Aktuell entstehen laut Statistik Austria rund 80 Prozent der Gesundheitsausgaben durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Adipositas, allesamt chronische Erkrankungen, die sich durch frühzeitige Prävention, Bewegung, gesunde Ernährung und Aufklärung zumindest teilweise vermeiden lassen. Dem steht gegenüber, dass nur rund drei bis vier Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben in Österreich in Prävention und Gesundheitsförderung fließen.

Wie sich Prävention systematisch planen und gemeinsam umsetzen lässt, war in Gastein das Thema einer Podiumsdiskussion. Die Ausgangslage: Der Leitgedanke einer evidenzbasierten, strategiegeleiteten Herangehensweise an Präventionsmaßnahmen kontrastiert aktuell mit dem Fehlen einer bundesweiten Präventionsstrategie. Beim Podiumsgespräch sollte daher aufgezeigt werden, welche Chancen und Möglichkeiten sich durch den strategischen Einsatz von früher Diagnostik und Screening ergeben, um eine gemeinsame Vision für eine österreichische Präventionsstrategie zu entwickeln.

Frühzeitige Diagnose

Wo es an Früherkennung mangelt bzw. wie diese für Patienten Vorteile bringen und zugleich das System entlasten kann, skizzierte Uta-Maria Ohndorf, General Manager Roche Diagnostics Österreich, an einem konkreten Beispiel: „Von schätzungsweise 170.000 Demenz-Betroffenen in Österreich scheinen 100.000 bis 120.000 überhaupt in keiner formellen Diagnose oder medizinischen Behandlung auf.“ Wird die Diagnose jahrelang verschleppt, verpasst man das Zeitfenster für frühe Lebensstilanpassungen und medizinische Interventionen. Letztere würden zur Verfügung stehen: „Blutbasierte Biomarker können die diagnostische Triage bei Alzheimer erweitern, indem sie eine niederschwellige, schnelle und vergleichsweise leicht verfügbare Orientierungshilfe bei Verdacht auf eine Erkrankung bieten“, so Ohndorf, die auf grundsätzliche Probleme im System hinweist: „Sieben von zehn medizinischen Entscheidungen hängen von diagnostischen Daten ab, aber die Diagnostik macht gerade einmal zwei Prozent der Gesundheitsausgaben aus. Dazu kommt: Bei der In-Vitro-Diagnostik stehen wir immer noch vor den Prozessen von neun Bundesländern, diversen Verwaltungsapparaten und einem ewigen Pilotstatus.“ Solche Ineffizienzen könne man sich insbesondere in Anbetracht des aktuellen Budget- und Spardrucks nicht weiter leisten.

Mehr gesunde Lebensjahre

Übergeordnetes Ziel muss es laut Ohndorf sein, ein Land zu werden, das mehr gesunde Lebensjahre produziert – im Sinne der Gesundheit ebenso wie aus wirtschaftlicher Perspektive. Das Thema der gesunden Lebensjahre griff ÖGK-Arbeitnehmerobmann Andreas Huss auf und zeichnete ein Bild der aktuellen Lage, auch in Hinblick auf unterschiedliche regionale Voraussetzungen: „Wir haben diesbezüglich in Österreich ein starkes West-Ost-Gefälle. Es scheint, dass in Vorarlberg, Tirol und Salzburg mehr Bewegung gemacht wird als im Osten Österreichs. Gesundheit ist insofern auch ein Kulturthema. Daran müssen wir arbeiten, es braucht deutlich mehr Gesundheitskompetenz.“ Das zu verändern, hätte man in vielen Bereichen in der eigenen Hand: „Dass in Schulen Automaten stehen, in denen vor allem Softdrinks mit hohem Zuckergehalt verkauft werden, ist nicht sinnvoll. Es gibt krank machende Lebensmittel, darüber müssen wir reden. In Frankreich wurden Steuern auf Softdrinks eingeführt, daraufhin setzten die Hersteller auf Getränke mit geringerem Zuckergehalt“, so Huss. „Solche Maßnahmen haben präventive Wirkungen, die sich auch im Gesundheitssystem zeigen.“

Prävention ab Kindergarten

„Bei den gesunden Lebensjahren im Alter und dem subjektiven Erleben von Gesundheit gibt es in Österreich noch viel zu tun. Umso wichtiger ist es, die Bevölkerung zu unterstützen, diesbezüglich mehr Bewusstsein und das Gefühl von Eigenverantwortung zu entwickeln“, sagte Athe Grafinger von der NÖ Landesgesundheitsagentur, Abteilung Strategie und Qualität Medizin. Je früher man lerne, auf die eigene Gesundheit zu achten, um so höher seien die Chancen, gesund ins höhere Lebensalter zu kommen. „Prävention beginnt insofern schon im Kindergarten“, so Grafinger, die diesbezüglich auf einen wachsenden Druck aus der Bevölkerung auf die politischen Entscheidungsträger hofft. „Wir brauchen nicht nur mehr, sondern vor allem auch niederschwelligere und besser vernetzte Präventionsangebote. Und das idealerweise unter Einbindung von Patienten“, so Grafinger.

„Prävention war auch deshalb lange Zeit zu schwach ausgeprägt, weil sich im Versorgungssystem niemand dafür zuständig erklärt hat. Es fehlt nach wie vor an institutionellen Akteuren, die sich des Themas ernsthaft annehmen. Es wäre hoch an der Zeit, dass Österreich da in Bewegung kommt und mehr Screeing-Programme aufgreift“, betonte Christina Dietscher, Leiterin der Abteilung A/1 für nicht übertragbare Erkrankungen, psychische Gesundheit und Altersmedizin im Gesundheitsministerium. Im Fokus müsse demnach nicht nur die Stärkung der Gesundheitskompetenz auf individueller Ebene, sondern auch die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen stehen. „Sinnvoll wäre eine nationale Präventionsstrategie, um evidenzbasiert und effizient vorgehen zu können; zu verstehen als Ergänzung und Weiterführung der Gesundheitsförderungsstrategie“, so Dietscher.

Säulen der Strategie

Worauf zu achten ist, wenn man eine echte, wirksame Präventionsstrategie für Österreich erarbeiten will, fasste abschließend Uta-Maria Ohndorf zusammen: „Erstens geht es um klar definierte Prozessverantwortung. Prävention darf nicht an Sektorengrenzen scheitern. Es braucht für jedes Programm eine Stelle, die die Verantwortung für die gesamte Kette übernimmt – von der Einladung über die Befundnavigation bis hin zur garantierten Abklärung und Behandlung.“ Zweitens gehe es um einen verbindlichen Bewertungs- und Erstattungspfad für Diagnostik: „Notwendig ist ein transparenter, bundesweit einheitlicher Pfad, analog zum Arzneimittelbereich, der Innovationen verlässlich bewertet und ein schnelles, evidenzbasiertes Ja genauso ermöglicht wie ein begründetes Nein“, so Ohndorf, die schlussendlich ebenfalls auf die Bedeutung der gesunden Lebensjahre zu sprechen kam: „Wir müssen aufhören, nur die Zahl der Tests oder Check-ups zu zählen. Die Steuerungswährung einer Präventionsstrategie muss der tatsächliche Gewinn an gesunden Lebensjahren und die Entlastung der Spitäler sowie der Pflege sein.“

Zum AHF

Das Austrian Health Forum, das als Kongressformat zweimal jährlich stattfindet – im Frühling in Schladming, im Herbst in Gastein – setzt auf einen innovativen Methodenmix aus Interaktion, Großgruppenprozessen, thematischen Wanderungen und kreativen Workshopsettings. Das Prinzip des Political Design Thinking ermöglicht neue Perspektiven und konkrete Handlungsimpulse.

Die Ergebnisse des AHF als führendes Netzwerktreffen im heimischen Gesundheitswesen fließen direkt in die Weiterentwicklung gesundheitspolitischer Maßnahmen ein und sollen unter anderem Regierungsvorhaben inspirieren.

Information

Die Seite ist eine Medienkooperation mit der „Presse“ und mit finanzieller Unterstützung von Roche Diagnostics Österreich entstanden. MC-AT-02023