Kooperation
»Redaktionell unabhängig, finanziell unterstützt«

Industrie unter massivem Wettbewerbsdruck

Nur mit Deregulierung und Leistungsanreizen für längeres Arbeiten wird Österreich seinen Wohlstand halten können – Forschung und Produktion gehören zusammen.

(v. l. n. r) Stefan Pierer (Präsident IV OÖ), Peter Mitterbauer (Vizepräsident IV Österreich) und Christian Helmenstein (IV-Chefökonom). Moderiert von Eva Komarek (Styria Media Group)
(v. l. n. r) Stefan Pierer (Präsident IV OÖ), Peter Mitterbauer (Vizepräsident IV Österreich) und Christian Helmenstein (IV-Chefökonom). Moderiert von Eva Komarek (Styria Media Group) Mirjam Reither
Die Presse auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle hinzufügen.

Eva Komarek, General Editor for Trend Topics in der Styria Media Group, moderierte den Standort-Talk der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ), bei dem folgende Experten diskutierten: Stefan Pierer, CEO der Pierer Mobility AG und Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich, Peter Mitterbauer, CEO der Miba AG und Vizepräsident der IV Österreich, sowie Christian Helmenstein, IV-Chefökonom.

Im Vorjahr ist Österreichs Wirtschaft geschrumpft. Wie ist der Status quo nach dem ersten Halbjahr 2024 und wie entwickelt sich die österreichische Wirtschaft?

Christian Helmenstein: Konjunkturell stellen wir fest, dass sich die Industrie im zweiten Jahr der Rezession befindet. Wir arbeiten uns allerdings im weiteren Jahresverlauf schrittweise aus der Krise heraus. Trotzdem können wir in der Industrie in diesem Jahr keinen Aufschwung erwarten. Die Hoffnung ist, mit einer schwarzen Null abzuschließen.

Wo drückt der Schuh in der Industrie und welche Sektoren sind besonders stark betroffen?

Stefan Pierer: Gegenüber China und den USA wird die EU gerne als „27 Zwerge“ bezeichnet. Österreich hat es in den letzten Jahren vollbracht, sich innerhalb der Zwergengemeinschaft komplett hinauszupreisen – etwa mit Personalkostensteigerungen von 20 Prozent innerhalb der letzten zwei Jahre. Zudem haben wir die höchsten Lohnstückkosten. Generell reguliert sich Europa zum Stillstand. Vor lauter Vorschriften wissen wir nicht mehr, wohin wir exportieren.

Österreich gilt als Exportland. Verspielen wir diesen Ruf?

Peter Mitterbauer: Wir sind im positiven Sinne abhängig vom Export und gelten sogar als „Exportweltmeister“, aber wir sind gerade dabei, diesen Rang zu verlieren. Um international wettbewerbsfähig zu sein, sind die Kosten zentral wichtig. In Österreich haben wir höhere Kosten, vor allem bei Arbeits- und Energiekosten. Generell büßt Europa im Vergleich zu anderen Weltwirtschaften prozentual an Wichtigkeit ein. Vor 15 Jahren betrug der Anteil des Welt-BIPs, das aus Europa kommt, rund 21 Prozent. Mittlerweile liegen wir bei nur noch rund 16 Prozent. Wenn wir es nicht schaffen, ein wettbewerbsfähiges Umfeld zu schaffen, besteht die Gefahr, dass auch Wohlstand verloren geht.

Warum wird nicht mehr so stark in den Standort Europa investiert?

Stefan Pierer: Durch die Deglobalisierung verschieben sich die Nachfragemengen nach Indien, USA, China usw. International aufgestellte Unternehmen müssen aber auch die Arbeitszeit intensivieren, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Ein Entwicklungsingenieur aus meinem Unternehmen in Österreich kommt pro Jahr auf rund 1640 Nettoarbeitsstunden. An meinem Standort in Indien kommt eine vergleichbare Arbeitskraft auf rund 50 Prozent mehr Arbeitsleistung. Dann darf man sich nicht wundern, dass Indien schneller in der Entwicklung ist. Hinzu kommt, dass die Arbeitgeberkosten außerhalb der EU niedriger sind – mit der Folge, dass Unternehmen verlagern – und dadurch wird Europa als Fertigungsstandort immer unattraktiver.

Wie sieht es speziell mit der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Österreich aus?

Christian Helmenstein: Ein Blick auf internationale Standortrankings zeigt, dass Österreich 2007 noch auf Rang 11 lag und mittlerweile auf Rang 24 abgerutscht ist. Ein klares Indiz, dass Österreich an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Wir profitieren als österreichische Volkswirtschaft noch immer von der hohen Vernetzung mit Zentral- und Osteuropa und importieren CEE-Wachstumsimpulse, denn der Konvergenzprozess von Zentral- und Osteuropa gegenüber Westeuropa wird noch bis zu 70 Jahren anhalten. Um weiterhin davon zu profitieren, müssen wir die Standortbedingungen strukturell verbessern und gleichzeitig budgetäre Freiräume schaffen, damit die öffentliche Investitionstätigkeit wieder anspringt. Die Produktivität einer privaten Investition kann ein Unternehmensmanagement nur bis zum Werkstor gestalten. Abseits davon ist man von Infrastruktur und Regulierungen abhängig und deshalb bedarf es komplementärer öffentlicher Investitionen.

Wie schneiden wir im Vergleich mit China und den USA ab?

Peter Mitterbauer: Alle wollen Wohlstand, aber mit unterschiedlichen Herangehensweisen. In den USA wird innoviert, auch über Subventionen, Stichwort „Inflation Reduction Act“ (IRA). In China werden Unternehmen mit einer strategischen Staatspolitik unterstützt. Europa geht den Weg über Vorschriften, Gesetze und Regulierungen – dieser Weg ist meiner Meinung nach die schlechteste Lösung, u. a. weil es keine Technologieoffenheit zulässt. Klimawandel und Green Deal sind wichtig, aber auf dem Weg zum Ziel muss auch die Wirtschaft mitgenommen werden. Jedes Unternehmen mit einem Standort in Österreich sorgt dafür, dass der Staat Steuern einnimmt. Durchschnittlich kommen dem Staat pro Beschäftigten in Österreich rund 30.000 Euro zugute. Sinken diese Arbeitsplätze, werden auch die Steuereinnahmen geringer und der Wohlstand, wie wir ihn heute gewöhnt sind, wird nicht mehr leistbar sein – daher rufen wir „SOS Wohlstand“ und nicht „SOS Industriestandort“. Der Industriestandort ist Mittel zum Zweck, um Wohlstand zu sichern.

Österreich steht für Innovationskraft. Können wir in diesem Bereich weiterhin mithalten?

Christian Helmenstein: In manchen Bereichen ist unsere Innovationskraft nach wie vor gut ausgeprägt. So hat Österreich zum Beispiel weltweit die fünfthöchste Erfinderdichte im Bereich automotiver Patente. Aber in vielen Bereichen überlassen wir die Innovationen anderen Weltwirtschaften. Der Dienstleistungsexport lässt zum Beispiel nach und wir müssen Technologien importieren.

Peter Mitterbauer: Viele Patente kommen aus Österreich, aber wichtig ist, dass dort, wo geforscht wird, auch produziert wird. Forschungs- und Produktionsstandort gehören zusammen. Wenn wir innovativ sind und zum Beispiel Innovationen für Windkraft und Elektromobilität in Österreich entwickeln, dann sollten wir auch ein Umfeld schaffen, um die Produktion in Österreich zu vollbringen.

Christian Helmenstein: Die Verknüpfung von F&E, Innovationstätigkeit und Produktionsaktivität ist essenziell, weil in der Regel auch die Erstausrollung an jenen Standorten stattfindet, wo produziert, geforscht und innoviert wird. Davon profitiert auch die Bevölkerung.

Welche Rolle spielt bei der Wettbewerbsfähigkeit der demografische Wandel?

Stefan Pierer: Auch die Konkurrenz ist vom demografischen Wandel betroffen. Bei uns schicken wir die Menschen im Schnitt schon mit 62 in Pension. In Japan arbeiten arbeitswillige Personen auch noch mit über 70 Jahren. Die Industriellenvereinigung fordert, dass es sich für Menschen steuerlich rechnen muss, wenn sie bereit sind, auch nach der Regelpension noch weiterzuarbeiten.

Christian Helmenstein: Derzeit vernichten wir volkswirtschaftliches Vermögen. Wir müssen danach trachten, Humankapital so lange wie möglich im Produktionsprozess zu halten und Humankapital aufzubauen, aber das ist ein Prozess über Jahrzehnte.

Warum sind die gegenwärtigen Regulierungen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit eher kontraproduktiv?

Stefan Pierer: Das Problem ist, dass wir alles zum Stillstand regulieren, wie etwa den Kapitalmarkt. Dann finden Innovationen außerhalb Europas statt.

Peter Mitterbauer: Bestes Beispiel ist das neue Lieferkettengesetz. Es ist gut gemeint, wird aber in der EU schlecht geregelt und entpuppt sich als Bürokratiemonster. Das wird für große Unternehmen eine Herausforderung, KMU kommen damit an ihre Belastungsgrenzen. Viele Unternehmen von außerhalb der EU, die wir heute in unseren Lieferketten haben, überlegen sich bereits, ob sie zukünftig mit Europa noch Geschäfte machen wollen.

Christian Helmenstein: Wir brauchen eine smarte, intelligente Regulierung und keine völlig überbordende, außer Kontrolle geratene Bürokratielast. Ein Vorschlag wäre das Stichwort „Public first“: Alle wirtschaftsrelevanten Regulierungen, die neu kommen, sollten zuvor in der öffentlichen Verwaltung implementiert werden. Bestehen sie die Testphase, können sie auf die Wirtschaft ausgerollt werden. Ich bin überzeugt, dass dies rasch zu einer Deregulierung führen würde.

Information

Dieser Inhalt wurde von der „Presse“-Redaktion in Unabhängigkeit gestaltet. Er ist mit finanzieller Unterstützung der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ) möglich geworden.

Alle Artikel der Serie „Zukunft Industriestandort Oberösterreich“