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Bruckners 2. Sinfonie: „Organischer, weicher, runder“

Martin Haselböck bringt beim Internationalen Brucknerfest Linz die 2. Sinfonie des Jahresregenten Anton Bruckner mit dem Orchester Wiener Akademie zur Aufführung. Im Interview beschreibt der Dirigent den Reiz des Originalklangzyklus, der heuer Herzstück dieses Festivals ist.

Martin Haselböck wird Bruckners 2. Sinfonie mit dem Orchester Wiener Akademie zur Aufführung bringen.
Martin Haselböck wird Bruckners 2. Sinfonie mit dem Orchester Wiener Akademie zur Aufführung bringen. Meinrad Hofer
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Wenn man in Österreich an Originalklang denkt, kommt man rasch auf das Orchester Wiener Akademie, das sich seit Langem mit diesem beschäftigt. Was Wunder, dass diese Musikerinnen und Musiker auch engagiert sind, wenn beim Internationalen Brucknerfest Linz ein Sinfonienzyklus mit Ursprungsversionen von Anton Bruckners sämtlichen Sinfonien ein zentraler Programmpunkt ist. Martin Haselböck wird bei der 2. Sinfonie Bruckners am Pult stehen. Im Gespräch erzählt er über die Faszination des Projekts.

Wenn Besucherinnen und Besucher des Brucknerfests Linz die 2. Sinfonie im Rahmen des Originalklangzyklus vom Orchester Wiener Akademie hören: Welche Unterschiede zu Gewohntem werden sie bemerken?

Martin Haselböck: Gerade bei der 2. Sinfonie ist die Wahl der Instrumente besonders ausschlaggebend und weniger jene der Fassung, wiewohl ja bei diesem Zyklus immer die Urversion geboten wird. Bei uns vom Orchester Wiener Akademie ist es selbstverständlich, mit Instrumenten aus der Zeit Bruckners zu spielen. Wir haben sogar solche, die noch in Bruckners Orchester verwendet wurden, namentlich Hörner aus der Hofmusikkapelle, mit der er damals ja arbeitete. Und wir verfügen über ein großes Instrumentenarchiv. Für uns ist der Auftritt beim Internationalen Brucknerfest Linz eine Möglichkeit, den Sukkus der Arbeit der letzten Jahrzehnte zu präsentieren, in denen wir ein Brucknerbild entwickelt haben, das in sich geschlossen ist.

Was macht diese Besetzung mit Originalinstrumenten für den Klang der 2. Sinfonie aus?

Es entsteht ein vollerer, runderer Klang, denn die Mischung der Blechblasinstrumente mit den Streichern ist viel organischer, es gibt kaum Brüche. Außerdem wirken die Streicher durch die Darmsaiten natürlich weicher, die Bläser erscheinen weniger kantig, weniger scharf. Die Mischung des Bläserklangs mit den Streichern ist abgedunkelt. Es entstehen Timbres, die verschmelzen, nicht trennen.

Welche Charakteristika der 2. Sinfonie faszinieren Sie besonders?

Für mich ist die 2. Sinfonie an einem Schlüsselpunkt in Bruckners Schaffen entstanden. Wir haben mit dem Orchester Wiener Akademie oft die 1. Sinfonie gespielt und aufgenommen und ja generell fast alle Sinfonien im Repertoire. Auch die Sechste haben wir zuletzt mehrfach dargeboten. Die Zweite ist für mich die Orgelsinfonie. Vielleicht hört man ja, was man will – und mir als Organisten fällt das besonders auf. Aber die 2. Sinfonie entstand ja direkt nach einer intensiven Phase des Orgelspiels Anton Bruckners. Die Originalinstrumente des Orchesters Wiener Akademie können die Klangwelten der Sinfonie gleich einer romantischen Orgel auffächern.

Was hebt die Zweite von seinen anderen Sinfonien ab?

Ich finde, in der 2. Sinfonie spürt man Bruckners Zug zur Ordnung, seinen Drang zur Periodik. Man merkt dem Werk sein Ringen um die Form an. Gleichzeitig gibt er das Klassische nicht auf, das seine Werke vorher kennzeichnete. Mir kommt als Bild in den Sinn, dass er gegen Wände drückte, die schließlich aufgingen. Dieses Ringen um die große Form, bei der er Bewährtes aufbrach, erkenne ich bei der 2. Sinfonie ganz besonders. Als Dirigent, für den schon von Anfang an die Romantik immer der Anfang und das Ziel der Arbeit zugleich war, fühle ich mich mit dem Stück und dem Brucknerfest-Zyklus sehr wohl. 

Was macht es aus, dass Sie die Urfassung präsentieren werden?

Die Urfassung ist gigantisch und dem Improvisieren, das in Bruckners Arbeit so wichtig war, sehr nahe. Spätere Striche zerstören in Wahrheit diese große freie Welt, die dem Werk innewohnt. Die Fassungsfrage ist eine spannende. Wir spielen die Urfassung, also jene, die bestand, bevor Johann von Herbeck die Partitur nur so mit roten Änderungsstrichen füllte. Bei aller Monumentalität in der Mitte ist es insgesamt die Eleganz, die reizt. Gerade in der 2. Sinfonie ist die Monumentalästhetik, die man mit Bruckner landläufig verbindet, noch nicht ausgeprägt. Die Urfassung ist nicht pathetisch, sondern vital.

Warum kombinieren Sie Bruckners Zweite mit Franz Liszts Ungarischer Rhapsodie und seinem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2?

Die Beziehung der beiden Komponisten ist sehr ambivalent. Bruckner schickte Liszt die 2. Sinfonie, um sie ihm zu widmen, doch dieser ließ sie liegen und so blieb sie die einzige Sinfonie Bruckners ohne Widmung. Beim Begräbnis Liszts wurde Bruckner aufgefordert, über Liszt-Themen auf der Orgel zu improvisieren, doch er lehnte ab. Bruckner ist Liszt jedenfalls sehr nahe und doch weit entfernt von ihm. Das Klavierkonzert haben wir aufgrund seines sinfonischen Charakters gewählt, die Ungarische Rhapsodie ist als eine Art Ouvertüre gedacht. Für mich persönlich gibt es außerdem die Verbindung, dass ich über die Beschäftigung mit Liszt Bruckner für mich entdeckt habe.

Was kann sich durch den Originalklangzyklus beim Internationalen Brucknerfest Linz für die zukünftige Bruckner-Pflege verändern?

Ich finde es gut, dass Bruckner so ins gängige Repertoire einiger Orchester aufgenommen wird. Für unsere Programmgestaltung war er immer wichtig, aber es ist darüber hinaus schön, wenn sich Kollegen wie Jordi Savall oder Stefan Gottfried mit dem Concentus Musicus noch mehr als bisher mit Bruckner beschäftigen. So werden sie von diesem Komponisten noch mehr inspiriert. Der Zyklus macht es zur Normalität, mit Originalklanginstrumenten Bruckner zu spielen – und macht für ihn somit ein weiteres Feld auf. Es ist schön, wenn ein Jubiläum wie dieses hilft, neue Facetten entdecken zu lassen, sowohl vonseiten des Publikums als auch vonseiten der Orchester.

Zur Person

Martin Haselböck gründete 1985 das Orchester Wiener Akademie, dessen künstlerischer Leiter er ist. Von 1978 bis 2019 war er Hoforganist der Wiener Hofmusikkapelle. Seit 2003 ist er Professor für Orgel an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

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Mehr unter: brucknerhaus.at